Alte Rezepte
Mit Skandalen ist es so eine Sache, vor allem mit den bestellten. Nach der beabsichtigten Sprengwirkung fehlt es mitunter am feinen Gerät, um den Schutt zu sieben und zu sichten, nicht zuletzt auf mögliches Material für weiterführende Diskurse. Sonst bleibt es bei der großen Geste der Empörung – und bei den Misthaufen, die sich die Kontrahenten gegenseitig schwungvoll vor die Haustür kippen.
1988 spaltete die Bundespräsidentschaft des ehemaligen Wehrmachtsoffiziers und SA-Mitglieds Kurt Waldheim die österreichische Gesellschaft und provozierte erstmals eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle während der NS-Zeit. Verständlicherweise wünschte sich der damalige Burgtheaterintendant Claus Peymann einen möglichst explosiven Beitrag seines Hauses zum doppeldeutig als «Bedenktag» ausgerufenen 50. Jahrestag vom «Anschluss» Österreichs an Nazi-Deutschland im März 1938. Schließlich gilt es, endgültig aufzuräumen mit dem bequemen Narrativ der Alpenrepublik als Hitlers erstem Opfer. Und was liegt da näher, als das Werk bei Österreichs konsequentestem «Nestbeschmutzer» Thomas Bernhard in Auftrag zu geben? Die Lunte zündet bereits vor der Uraufführung am 4. November 1988, ...
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Theater heute Februar 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Silvia Stammen
Sein größter Erfolg war «Totenfloß». Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl und einer Chemiekatastrophe bei Sandoz in Basel wurde es das Stück des Jahres 1986, bald von über zwei Dutzend Theatern gespielt. Vier körperlich und seelisch verkrüppelte Überlebende einer verstrahlten Landschaft, von der nur wenige bewohnbare Areale übrig geblieben sind, treiben auf...
Ein Kollege erinnert sich an die Zeit, als das Nordwind-Festival 2006 in Berlin gegründet worden war: Vegard Vinge habe bei dem Schaufenster nordischen Radikaltheaters erste Arbeiten südlich des Skagerraks gezeigt, außerdem habe eine in Deutschland bis dato unbekannte dänisch-österreichische Gruppe namens SIGNA auf sich aufmerksam gemacht. Mystisch entgrenzte...
Für Karin Beier ist die aktuelle Spielzeit eine der Thesenstücke. Im Herbst dramatisierte die Intendantin des Deutschen Schauspielhauses Hamburg auf der Hauptbühne Ian McEwans Roman «Kindeswohl», in dem es um medizinische Behandlung gegen den Willen des Patienten ging; als zweite eigene Regiearbeit der Saison zeigt sie auf der Nebenbühne Malersaal die Recherche...
