Zürich: Vernunft macht ratlos
Der Muezzin ruft. Ascheflocken rieseln auf Jerusalem. In der umkämpften Stadt verspricht das nichts Gutes, am wenigsten zu Kreuzzugzeiten. Aber der erste Bühneneindruck täuscht. Sechs Vermummte verrichten friedlich ihr Gebet, und der Ascheschnee ist vorerst Vorbote einer Heldentat: Ein Tempelritter hat ausgerechnet eine Jüdin aus einem brennenden Haus gerettet.
«Nathan der Weise», Gotthold Ephraim Lessings Versuchsanordnung über eine mögliche Versöhnung der Weltreligionen, spielt im fernsten Mittelalter, aber sie findet in Zeiten fanatisierter Religionskonflikte beinahe zwangslogisch den Weg auf die aktuellen Spielpläne. Das Schauspielhaus Zürich hat Daniela Löffner die Regie anvertraut, deren prägnante Behutsamkeit fast jeden Klassiker wie eine Herzensangelegenheit wirken lässt. Man darf also die Erwartung an diesen «Nathan» hochschrauben.
Und es fängt ja auch beneidenswert dicht erzählt an. Wir sehen den Geschäftsmann Robert-Nathan Hunger-Bühler, wie er mit Kippa und Aluminiumkoffern leicht beladen heimkehrt und, wie vom Jetlag betäubt, kaum halb begreift, was ihm Sascha, der kettenrauchende Gottfried Breitfuss, dem ein kleines Christenkreuz aus der Hemdbrust baumelt – was dieser ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2016
Rubrik: Chronik, Seite 68
von Stephan Reuter
Wer glaubt noch «Nathan»? Lessings akkuratem Fünfakter von der überlegenen Weisheit einer aufklärerischen Vernunft, die sich über alle Religionen hinweg mit souveräner Toleranz durchsetzt? Dieser aufklärerischen Utopie einer Humanität, vor der alle Menschen gleich sind wie in einer großen Familie, die sich am Ende segensreich um den Hals fällt? Wer könnte solche...
Tanzplattformen sind immer auch Stimmungsbarometer der Tanzszene. Sie liefern Querschnitte durch die Zeit und umreißen so den Stand der Dinge. Betrachtet man die jüngste Ausgabe der Tanzplattform Deutschland, die nach zwanzig Jahren erneut in Frankfurt am Main stattfand, will der Tanz vor allem wieder eins: sich der Welt zuwenden und Lösungsvorschläge für...
TH Woran schreiben Sie gerade?
Thomas Melle Eine ganze Menge. Ein Drehbuch aus meinen beiden Romanen «Sickster» und «3.000 Euro» für eine Produktionsfirma, und es sieht alles danach aus, als würde es sogar verfilmt werden. Dann ein neues Buch, das im nächsten Herbst erscheint – weder Roman noch Autobiografie, etwas dazwischen, eine Art Bekenntnisbericht. Und noch...
