Wo bleibt das genervte Stöhnen
Ich gestehe: Ich habe auch gekocht beim Streaming-Gucken. Zumindest bei meinen eigenen Inszenierungen, wenn ich an den Abenden nicht im Theater war, sondern zu Hause. Dann haben meine Frau und ich den Laptop schon mal in der Küche aufgestellt. Seien wir ehrlich: Eine gestreamte Vorstellung verführt dazu, dass man zwar «reinschaut», aber nicht richtig hinschaut. Nicht wie im Theatersaal.
Am Schauspielhaus Bochum haben wir etliche Inszenierungen als Geistervorstellungen vor leerem Saal gespielt und live gestreamt.
Wir haben im Dezember begonnen, erst einmal bei freiem Eintritt, zum Beispiel «King Lear», wofür sich 1600 Menschen angemeldet hatten, und später dann mit einem gestaffelten Preissystem, wo unser Publikum auch seine aufgestauten Abo-Gutscheine einlösen konnte. Es ging darum, den Kontakt zum Publikum nicht abreißen zu lassen. Es ging darum, etwas zurückzugeben. Es ging darum zu zeigen, was wir mit unserer Kunst erzählen wollen. Es ging auch darum, den «Betrieb Theater» lebendig zu halten.
Es hat auch Spaß gemacht. Sich zu überlegen, wie eine kamerataugliche Adaption einer Inszenierung sein müsste. Wir alle kennen die hochprofessionellen Fernsehaufzeichnungen von ...
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Theater heute Jahrbuch 2021
Rubrik: Streaming, Seite 96
von Johan Simons
Das absolute Fundament von Theater und auch der große Unterschied zum Kino, Fernsehen, Streaming ist die mehrdimensionale Rezeption dessen, was sich auf der Bühne abspielt. Die momentanen Sinneswahrnehmungen von Spieler:innen und Publikum treffen simultan aufeinander und sorgen für ein exklusives Erlebnis. Niemand vor und nach genau dieser einen Vorstellung wird...
Aber natürlich wird das Theater in zwanzig Jahren anders sein – in hundert Jahren allemal. Und es versteht sich, dass das Theater keinen Bogen ums Digitale machen kann. Allen Anhängern des analogen Theaters sei das zugerufen: Ja, es wird ein digitales Theater geben. Mein Spiegel im Bad klebt schon von den Aerosolen dieses Ausrufes, mein Bücherregal im Arbeitszimmer...
Da war doch was. Richtig, ganz links hinten im Keller, dort, wo die alten abgelegten Selbstfeiern von Intendanten (damals in aller Regel männlich) lagern, die sich in dicken Büchern nach fünf Jahren Amtszeit eine «Ära» bescheinigt und in teuren Prachtbänden eingesargt haben, da wartet er geduldig, der einsame, graue Diamant. «War da was?» hieß demonstrativ...
