Wir werden kämpfen!

Lisa Jopt, Präsidentin der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, über die aktuellen Manteltarifverhandlungen

Theater heute

Theater heute Gratulation nachträglich zur Wahl zur Präsidentin der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger (GDBA)! Diese Künstlergewerkschaft ist zusammen mit der Vereinigung deutscher Opern- und Tanzensembles der Tarifpartner auf Arbeitnehmerseite; die Arbeitgeber werden vom Deutschen Bühnenverein vertreten. Beide sind gerade in aktuellen Tarifverhandlungen, und es geht dabei nicht zuletzt um die Mindestgage. Sie muss nach dem neuen Mindestlohngesetz von derzeit etwa 2000 € monatlich deutlich angehoben werden.

Wenn man die dort festgelegten 12 € Mindeststundenlohn zugrunde legt, kommt die GDBA auf eine Erhöhung auf 2715 €, der Bühnenverein bietet 2550 €. Kein allzu großer Unterschied. Sie fordern aber noch deutlich mehr, bis zu 3100 € Mindestgage für Solo- und BT-Mitglieder im Normalvertrag(NV)-Bühne. Wie begründen Sie das? 
Lisa Jopt Also das ist wirklich Tech-Talk, weil wir uns an der sogenannten «Chorgagentabelle» orientieren, das ist die bereits bestehende Einstufung für Chorsänger:innen im NV-Bühne. Die Stufen orientieren sich an der Größe und Einstufung der jeweiligen Orchester. Eine Chorstufe besteht aus zwei Beträgen, dem unteren und dem oberen Rahmenbetrag. Der untere liegt bei 2858 € und der obere Rahmen bei 3378 €. Die Mitte davon liegt bei rund 3100 €, was wir zum Einstieg der Verhandlungen gefordert haben und zwar für NV-Bühne-Beschäftigte mit Tätigkeiten, die in der Regel ein Studium erfordern oder die mit einer größeren Verantwortung und Belastung verbunden sind und die an Häusern mit über hundert Beschäftigten arbeiten. Wir haben ein A- und B-Haus-Modell angeboten für finanzstärkere und -schwächere Häuser, das stieß aber nicht auf Interesse. 

TH Und Sie orientieren sich an dieser Chor - tabelle, weil Schauspieler:innen ebenso wie Chorsänger:innen eine langjährige Ausbildung, teilweise ein Studium absolviert haben? 
Jopt Ja, auch, die meisten haben ein Hochschulstudium. Aber vor allem, weil es eben ein vorhandenes Mindestgagenstufensystem ist, das jährlich dynamisiert wird. Wenn der Opernchor das hat, müssen es Solist:innen wie z.B. Schauspieler:innen, Opernsänger:innen oder Tänzer:innen auch haben. Wir peilen diese gut 3000 € auch für die Mitarbeiter:innen hinter der Bühne an, wie z.B. die Assistierenden aus den Bereichen Regie, Bühne und Kostüm, die mindestens in Endproben weit über die zulässige Arbeitszeit von 48 Wochenstunden kommen. Es gibt also mehrere Wege nach Rom. Die einen begründen die geforderte Mindestgage über ihre Qualifikation, die anderen über ihre langen Arbeitszeiten. Das ist ein erster Pfosten, den wir einschlagen wollen, um dann in späte -ren Verhandlungen ein differenzierteres Gagen -system zu erarbeiten. Ich sage ja, das ist Tech-Talk. 

TH Und was sagt der Bühnenverein dazu? 
Jopt Der gibt eine normative Handlungsempfehlung von 2500 € raus und bietet uns für den Tarifvertrag 2550 €. Hätten sie auch gleich 2550 als Empfehlung rausgeben können. Nach unserer Berechnung liegt das unter dem Mindestlohn. Wir haben übrigens sehr zugewandte, freundliche Verhandlungen geführt, mit vielen sachbezogenen Argumenten. Es war überraschend, wie wenig diese Argumente dort ankommen. Der Bühnenverein antwortet, mehr Gage könnten sich viele Häuser nicht leisten, es müssten dann Stellen abgebaut werden, und die kommunalen Haushalte stünden sowieso unter großem Druck. Dazu kann ich nur sagen: Wir werden nie passend kommen mit unseren Forderungen, und wenn Stellen abgebaut werden müssen, dann ist das nicht die Verantwortung der Gewerkschaften, sondern eine Entscheidung der Kulturpolitik, die ihr Theater nicht in die Lage versetzt, faire Löhne zu bezahlen. Außerdem haben wirklich alle die Nase voll davon, dass hochqualifiziertes Personal am allerschlechtesten bezahlt wird. Eine ungelernte Reinigungskraft – das ist kein polemisches, sondern ein Beispiel aus der Praxis – verdient im ersten Berufsjahr mehr als eine ausgebildete Opernsänger:in oder Schauspieler:in! Aktuell fordern wir sogar nur 2715 €, wir sind ja verhandlungsbereit. Wir sind rund 400 € runter. Im Gegensatz dazu hat der DBV zwei Mal hintereinander 2550 € geboten – kein Entgegenkommen. 

TH Sie haben da konkret drei Gehaltsschritte vorgeschlagen, für die nächste Spielzeit 2715 €, für die Spielzeit 23/24 2858 € und eine Spielzeit darauf 3118 €. Das ist ja schon ein Kompromissmodell. Aber wie soll es weitergehen, wenn sich der Bühnenverein nicht bewegt? 
Jopt Definitiv planen wir eine bundesweite Mobilisierung – was Feingefühl erfordert, weil sich unsere Mitglieder, die von ihren Intendant:innen durch die Gefahr der Nichtverlängerung sehr abhängig sind, das auch trauen müssen! Da sieht man wieder, was für ein Mist der NV-Bühne ist, er schafft Angst. Unsere Forderungen richten sich aber in erster Linie an die Rechtsträger, also die Kommunen und Länder, die ihre Bühnen in den ökonomischen Zustand versetzen müssen, gerecht zu entlohnen. Aber natürlich brauchen wir die Solidarität der Intendant:innen. 

TH Und wenn das immer noch nichts hilft? 
Jopt Es gibt auch Stimmen, die meinen, wir sollten den Tarifvertrag kündigen. 

TH Sie bleiben kämpferisch? 
Jopt Dafür bin ich angetreten. Ich habe selbst so lange unter diesem ungerechten, systemlosen Gagenballaballa ge -litten, deswegen werden wir es jetzt ändern. Für mich als Aktivistin, die am Küchentisch angefangen hat, ist es ein Traum, dass ich endlich an diesem Tisch sitze, um den Tarifvertrag zu verhandeln.

Das Gespräch führten Eva Behrendt und Franz Wille.


Theater heute 7 2022
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Eva Behrendt und Franz Wille

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