Unter der Dornenkrone

Mit zwei CoronaJahren Verspätung finden die Passionsspiele in Oberammergau statt, zum vierten Mal inszeniert von Christian Stückl: ein Giga-Event der Widersprüchlichkeiten

Es sollte eine Rückreise in eine neue, alte Normalität werden, der Ausflug zu den Passionsspielen nach Oberammergau im idyllischen Oberbayern: ein Groß-Event, 4500 Menschen ohne Maskenpflicht in einem Raum, kaum noch vorstellbar nach den letzten beiden kontaktreduzierten Corona-Jahren, die auch die Passionsspiele ausbremsten. Doch schon im Zug von Berlin nach München ist die Krise nach der Krise unübersehbar: Es ist brechend voll, Reisende stehen zwischen den Tischen, sitzen in den Gängen auf dem Boden, es wimmelt von Kindern in der 1. Klasse.

Google Translate macht’s möglich, ins Gespräch zu kommen: Allein in unserem Großraumabteil reist mit dem kostenlosen «helpukraine»-Ticket eine 23-köpfige ukrainische Familie von Hamburg nach Rosenheim. Wo sie dort unterkommen werden? Sie wissen es noch nicht.

Das Dorf und die Welt

Am nächsten Tag strahlt die Sonne vom m alerisch von Schafwölkchen durchzogenen blauen Sommerhimmel, das Gewusel ums Festspielhaus hat alles zu bieten, von Dirndl und Lederhose über die Jogginghose bis zum Abendkleid: Ministerpräsidenten, Tatort-Kommissare, Bischöfe – und das Volk. Die mit roten Rosen geschmückte Dornenkrone, die beim ökumenischen ...

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Theater heute 7 2022
Rubrik: Festivals, Seite 41
von Barbara Burckhardt

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