Unter der Dornenkrone
Es sollte eine Rückreise in eine neue, alte Normalität werden, der Ausflug zu den Passionsspielen nach Oberammergau im idyllischen Oberbayern: ein Groß-Event, 4500 Menschen ohne Maskenpflicht in einem Raum, kaum noch vorstellbar nach den letzten beiden kontaktreduzierten Corona-Jahren, die auch die Passionsspiele ausbremsten. Doch schon im Zug von Berlin nach München ist die Krise nach der Krise unübersehbar: Es ist brechend voll, Reisende stehen zwischen den Tischen, sitzen in den Gängen auf dem Boden, es wimmelt von Kindern in der 1. Klasse.
Google Translate macht’s möglich, ins Gespräch zu kommen: Allein in unserem Großraumabteil reist mit dem kostenlosen «helpukraine»-Ticket eine 23-köpfige ukrainische Familie von Hamburg nach Rosenheim. Wo sie dort unterkommen werden? Sie wissen es noch nicht.
Das Dorf und die Welt
Am nächsten Tag strahlt die Sonne vom m alerisch von Schafwölkchen durchzogenen blauen Sommerhimmel, das Gewusel ums Festspielhaus hat alles zu bieten, von Dirndl und Lederhose über die Jogginghose bis zum Abendkleid: Ministerpräsidenten, Tatort-Kommissare, Bischöfe – und das Volk. Die mit roten Rosen geschmückte Dornenkrone, die beim ökumenischen ...
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Theater heute 7 2022
Rubrik: Festivals, Seite 41
von Barbara Burckhardt
Dunkel und drohend, gehauen aus schwarzen Felsen steht er da, der Turm der Prospera. Er erinnert wohl nicht zufällig an Barad-dur, den Turm Saurons aus dem «Herr der Ringe», von dem aus der dunkle Herrscher Mittelerde mit seinem magischen Auge überwacht. In Weimar thront ein leuchtender, farbwechselnder Ring als Symbol des Zauberbanns über allem. Prospera wacht mit...
Eine Zumutung
Es war an einem warmen Sommerabend, und die Lage war aussichtslos. Ich steckte fest. Mitten in der zweitgrößten Halle Kampnagels (…), und ich dachte: Amelie, was mutet ihr uns zu mit diesem Gastpiel der Burg? Knapp zwei Stunden lang saß ich da, dachte über ungeschriebene Artikel, unkorrigierte Bachelorarbeiten und unbeantwortete Mails nach, und dann,...
Wer den Matthäikirchhof in Leipzig betritt, der fühlt sich sofort an Marc Augés Idee der Nicht-Orte erinnert. Denn statt einer Kirche, wie der Name vermuten lässt, stehen hier rund um einen Parkplatz nur angeranzte DDR-Bürogebäude, die ab 1986 die lokale Filiale der Stasi beherbergten. Dabei ist dieser Platz einer der ältesten der Stadt. Die namensgebende Kirche...
