Wir sind Bohème
Bombastische Rockmusik. Das Skelett einer Kirche. Nebelschwaden. Ein einsamer Männerschatten zeichnet sich am Bühnenhorizont ab, wandert nach vorn an die Rampe und sagt «Krieg». «Krieg, Krieg, Krieg, Krieg, Krieg.» Die Platte des Propheten hängt. Peter René Lüdicke artikuliert weitere zweihundert Mal «Krieg», gefolgt von heikleren «Hungersnöten» und zungenbrecherischen «Naturkatastrophen».
Ein gleißendes Neonkreuz senkt sich vom Bühnenhimmel, Lüdicke ist plötzlich Jesus, und bevor ihn sein vermeintlicher Schutzengel (Henrike von Kuick) vom Kreuzweg abbringt und splitternackt im Dampfbad verführt, greift er zum Vorschlaghammer und lässt ihn so lange auf den Kunststoffplattenboden brettern, bis die ersten Reihen in Deckung gehen.
Wahrlich, es ist ein Leidensweg, den das Publikum zur Eröffnung von Sebastian Hartmanns Leipziger Intendanz am eigenen Sitzfleisch nachvollzieht. Erbarmungslose fünf Stunden dauert sein Tryptichon «Matthäuspassion», das ruhig und dunkel mit einer Kammerspielfassung von Ingmar Bergmans «Die Abendmahlsgäste» begonnen hat, bei Ibsens «Brand» halbwegs heiß gelaufen und nun in eine brachiale Performance gemündet ist, die das Evangelium grell mit Motiven aus ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Andreas Beck eröffnet seine zweite Spielzeit als Intendant des Wiener Schauspielhauses mit zwei Stücken, in denen Autoren aus der Generation Golf Menschen aus der Generation Golfclub beschreiben. Inhaltlich sind sich die Texte von Anja Hilling (geb. 1975) und Volker Schmidt (geb. 1976) nahe; in beiden Stücken werden (Beziehungs-)Probleme unter Besserverdienern von...
This murder stuff turns you on?», vergewissert sich Wayne, bevor er Brad, dem er sich selbst als Mörder vorschlägt, einen Film zeigt, in dem er an der Ermordung eines Teenagers beteiligt ist. Wir befinden uns mitten in Gisèle Viennes Puppenspiel «Jerk» und in einem Text, den der junge Solo-Performer Jonathan Capedevielle im Publikum verteilt hat. Waynes Frage an...
Beweisaufnahme. Ein Lastenheber rasselt in den Bühnenuntergrund, fördert zerstörte Kunstwerke zutage. An der Indizienkette baumelt bald ein Rubens, bald ein Raffael, in Folie verpackt und verzurrt, vor allem aber: zerrissen, zerbrochen, zerschlagen. Regisseurin Christiane Pohle und ihr Dramaturg Malte Ubenauf haben das späte, sperrige Prosawerk «Alte Meister» ins...
