Wir sind alle Lucretia
Konzert, Theater, Castingrunde, Treffen einer Selbsthilfegruppe, semi-autobiografischer Abend – «Die Schändung der Lucretia: Ein Casting» in der Regie von Lola Arias im Schauspielhaus Basel ist all das. Im Kern versucht eine Gruppe Künstler:innen, ein Stück aufzuführen, Shakespeares Langgedicht «The Rape of Lucretia».
In einem Büro mit Kamera und Topfpflanze werden die Darsteller:innen gecastet, denn die Rollen müssen verteilt werden: Lucretia, die vergewaltigt wird. Königssohn Tarquinius Sextus, ihr Vergewaltiger.
Lucretias Ehemann Collatinus; zudem braucht es einen neutralen Erzähler. Wer will wen spielen? Wer Täter, wer Opfer sein?
Wie aber sehen Opfer aus? Wie Täter? Kann Lucretia, die von ihrem Mann in einer Männerrunde als unfassbar tugendhaft und schön gepriesen wird, so klein sein wie Barbara Colceriu? Kann sie schwarz sein wie Ntando Cele? Kann Julian Anatol Schneider, der am Theater oft die netten Typen, die «nice guys» spielt, den Vergewaltiger geben?
Mit diesen Fragen öffnet Arias’ Inszenierung den Raum von Beginn an ganz weit. Shake -speares Text bis hin zu Lucretias Selbsttötung, die sie als einzigen Ausweg sieht, um «eh -renhaft» zu bleiben, dient dabei als ...
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Theater heute Mai 2026
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Valeria Heintges
Vom Jahrmarkt auf den Friedhof: Wo sich zu Stückbeginn im Landestheater Eisenach das jugendliche Ensemble noch im Büchsen -werfen übt und munter auf dem Karussell herumklettert, das Verena Hemmerlein als Szenenbild auf die Bühne gestellt hat, künden nach der Pause Grabsteine vom Tod von zwei der Protagonist:innen auf der Bühne. Von seiner Dramatik hat Frank...
Einmal, da zieht sich Harpagon mit seinem Sohn in die Luxuslimousine zurück, die den auf die Bühne gebauten Autosalon dominiert, und erinnert sich an seine Kindheit: wie sein Vater früher mit der Familie in den Italienurlaub kurvte, den halben Verkehr niederpöbelte und hin und wieder dem Sohn das Knie tätschelte. Und er, der Knabe, konnte sich gerade noch...
Auf die Frage, in welche Zeit sie am liebsten reisen würden, antworten die vier Ensemblespieler:innen vom Staatstheater Cottbus: in die Vergangenheit. Vielleicht, weil die Zukunft ihnen Angst macht – das jedenfalls wäre die These der Zukunftsforscherin Florence Gaub, die im zweiten Teil von Helgard Haugs «Die Zeitmaschine» einen kurzen Auftritt als KI-Hybrid hat....
