Der ferne Schrecken
Die verstörendsten Geschichten sind nicht jene, in denen der Horror in die Normalität des Alltags einbricht. Es sind jene, in denen der Horror aus ihm herausbricht und freilegt, was sich hinter der vermeintlich intakten Oberfläche verbirgt. Ein Glanzstück dieser Art ist die 1948 erschienene Kurzgeschich -te «Die Lotterie» der amerikanischen Autorin Shirley Jackson (1916–1965), deren Werk nicht nur Stephen King, sondern auch Sylvia Plath beeinflusst hat.
Ausführlich beschreibt Jackson in ihrer Erzählung, wie sich eine Dorfgemeinschaft an einem Sommertag zur jährlichen Lotterieziehung versammelt. Die Stimmung ist entspannt, fast heiter. Die Lotterie wirkt wie eine Routineangelegenheit, die man rasch hinter sich bringen will, damit «man wieder an die Arbeit gehen kann». Lange hegt die Leserin keinerlei Argwohn gegenüber der beschaulichen Dorfidylle, höchstens der lakonisch-distanzierte Erzählton wirkt ein bisschen verdächtig.
Erst allmählich wird klar, dass es sich bei der vermeintlich harmlosen Lotterie um ein grausames Ritual handelt: Wer das markierte Los zieht, wird von der Dorfgemeinschaft im Anschluss gesteinigt. Die beiläufige Selbstverständlichkeit dieser kollektiven ...
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Theater heute Mai 2026
Rubrik: Chronik, Seite 62
von Natalie Bloch
BERLIN, KÄTHE-KOLLWITZ-MUSEUM bis 3.5.
Käthe Kollwitz und das Theater beleuchtet die enge Verbindung der Künstlerin zur Theaterwelt ihrer Zeit. Anhand von Briefen, Tagebüchern und zahlreichen Leihgaben wird deutlich, wie prägend Theaterbesuche für ihr Leben und Werk waren. Im kulturellen Umfeld der Berliner Moderne – mit Regisseuren wie Max Reinhardt und Otto Brahm...
Im November 1989, gerade war die Mauer gefallen, war Wolf Biermann nicht nur froh. In einem Brief an Sarah Kirsch notiert er seine zwiespältigen Gefühle. Als zwangsausgebürgerter Staatsfeind der DDR sieht er den Sieg der Opposition und muss feststellen: «Denen geht’s prima, die brauchen mich nicht mehr.» Er sinniert über das «alte Elend der Exilierten: Er hofft,...
Am Ende, nach knapp fünf Jahren, schrieb er: «... so war ich doch im Innersten überzeugt, um nicht auf immer verloren zu sein, Bamberg so schnell als möglich verlassen zu müssen ...» In den «Fränkischen Merkur» ließ er eine Anzeige rücken, zwischen deren drei freundlichen Zeilen für jeden Eingeweihten nichts als Hohn und Spott, Sarkasmus und Verbitterung...
