Wider die Sprachlosigkeit
Wegen ihrer speziellen Vermischung von Realität und Kunst besitzen Theaterprojekte im öffentlichen Raum eine Menge Überraschungspotenzial. Da laufen verdutzte Menschen durchs Inszenierte – bloß schnell raus aus der befremdlichen Situation, in die man unfreiwillig geraten ist. Das Publikum ist Voyeur.
Solche Gefühle kamen zunächst auch beim jüngsten Projekt des Stuttgarter Citizen.KANE.Kollektivs auf, «70437 Woyzeck» frei nach Georg Büchner.
Um «Woyzeck» auf Parallelen in unserer Gesellschaft zu überprüfen, hatte das Theaterkollektiv einen performativen zweistündigen Stadtrundgang als Audiowalk inszeniert, der durch Freiberg (Postleitzahl 70437) führte: eine in den 1960er Jahren erbaute Siedlung am Stadtrand Stuttgarts, in der über 7000 Menschen überwiegend in Hochhäusern leben, die alle von Genossenschaften als Sozialwohnungen errichtet wurden. «Woyzeck» spiegele viele aktuelle Themen, etwa soziale Ungleichheit, auch von Freiberg wider, so das Kollektiv. Die psychischen Probleme des Soldaten Woyzeck, der seine Freundin Marie ersticht, habe ja viel mit Armut, Ausgrenzung und Alkoholismus zu tun. «Was hat sich seit damals verändert?», fragte sich das Kollektiv.
Die voyeuristischen ...
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Theater heute August-September 2026
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Verena Großkreutz
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