Wer braucht noch Punk?

Wenn das Fantasieren die Seiten wechselt, ist nur noch auf Unkraut Verlass

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Kürzlich trafen sich zwei Fernsehstars im Fernsehen. Das hätte normalerweise keinen Nachrichtenwert, wäre nicht der eine im Nebenberuf Präsident der USA und der andere Präsident der Ukraine, und wäre ihre Begegnung nicht derart aus dem Ruder gelaufen, wie man es bis dahin nicht einmal von der «Jerry Springer Show» oder «Richterin Barbara Salesch» kannte. In Deutschland werden traditionell immer die langweiligsten Menschen zu Staatsoberhäuptern gewählt, mit gutem Grund.

Jetzt aber sind im Oval Office zwei Weltpolitiker aufeinandergeprallt, die beide ihre Karriere als Entertainer begonnen haben: der eine als Host der Casting-Show «The Apprentice», in der er als mäßig erfolgreicher Immobilien-Tycoon junge Möchtegern-Gründer:innen prüfte, um sie abschließend mit seinem ikonischen «you’re fired!» aus seinem Büro zu werfen, der andere als Hauptdarsteller der Fernsehserie «Diener des Volkes», in der er einen Geschichtslehrer spielte, der auf Betreiben seiner Schulklasse eher unfreiwillig zum Präsidenten gewählt wird und als solcher in turbulenten politischen Gewässern zu bestehen hat.

Bis zu einem gewissen Grad blieben bei ihrem Treffen beide in ihrer jeweiligen Rolle: Der eine gab unwillig den Kriegsherrn, obwohl er viel lieber friedlich zu Hause säße und heimische Korruptionsbekämpfung betriebe, der andere forderte Unterwerfung und schickte, als ihm diese verweigert wurde, seinen Bittsteller ohne Mittagessen fort. Abschließend sagte er, ganz Profi-Unterhalter, dass hier gerade «great TV» entstanden sei, und da verstand ich ihn plötzlich, mochte ihn sogar ein bisschen, weil er für einen kurzen Moment wieder von seiner in meine Welt übertrat.

Wobei man als Theatermacher schon eifersüchtig werden kann, wenn man auf das Erdbeben schaut, das dieser handwerklich eher mittelmäßig geskriptete Dialog inzwischen ausgelöst hat. War nicht früher einmal der gesellschaftliche Bereich, in dem Skandale sich abzuspielen hatten, die Kunst? War der «Mad King» nicht eine Figur Shakespeares? Lagen Dramen-Hoheit, Sensations-Hoheit und Lügen-Hoheit nicht beim Theater statt in der Politik? Wie geht es uns eigentlich damit, dass uns jetzt ein hergelaufener US-Präsident bei allen diesen schönen Dingen das Wasser abgräbt?

Verlust der Schwurbel-Hoheit
Realpolitisch bewegt sich einstweilen (zum Glück) noch nicht viel. Diesem Kollegen scheint es zunächst tatsächlich um die inszenatorische Wirkung seiner Maßnahmen zu gehen, um das Klicken der Handschellen und das Rasseln der Ketten, um die tägliche Selbstüberbietung, um das Spektakel der Zerstörung mehr als um die Zerstörung selbst. Welcher gesellschaftliche Schaden durch diese neue alte Sprache der Herabwürdigung, die auch hierzulande um sich greift, verursacht wird, muss sich erst noch zeigen. Entscheidend für die neue Kettensägen-Politik ist aber ihr grundsätzliches Umstürzlertum.

Die Kunst ist darüber geradezu staatstragend geworden. Die Usurpatoren sitzen plötzlich auf der anderen Seite, auf der Seite der Macht, und sie haben den Spieß umgedreht: «So who’s the Staatsfeind now?» In einer solchen Situation muss unsereiner bald froh sein, wenn er noch ein bisschen szenisches Demokratielabor machen und sich dafür lammzahm aus den Resten der dahinschmelzenden Fördergelder eine Aufwandsentschädigung zusammenkratzen darf.

Nun war die Kernkompetenz unserer Gruppe Showcase Beat Le Mot ohnehin noch nie der Theaterskandal. Was uns dagegen wirklich schmerzt, ist, dass auch die bislang unbestrittene Schwurbel-Hoheit uns zu entgleiten droht. Die Verschwörungstheoretiker der «X-Files», die Agent Mulder gelegentlich in ihrem elektrotechnisch überfrachteten Hobbykeller besuchte, um sich Rat in Sachen Deep State und Alien-Invasion zu holen, waren in den Neunzigern noch nerdy-studentisch-links wie wir. Aber inzwischen hat auch das Fantasieren die Seite gewechselt. So lernen wir jetzt von rechts, dass Hitler Kommunist gewesen sei, dass die Ukraine Russland angegriffen hätte und dass die reichsten 2 Prozent dringend Steuererleichterungen benötigten, weshalb Milliardäre mit hochgereckter Genossenfaust grüßen, bevor sie in ihre Helikopter steigen. Die Bullshit-Pipeline mündet in den River of Anything Goes. Wer braucht noch Punk in einer solchen Atmosphäre?

Was also tun, Kunst? Immerhin ist unsere Bilderwelt eine erfreulichere als die unserer politischen Feinde – weniger Mauern, weniger Eisen, weniger Schweröl, weniger Blut. Boden schon, aber nicht als verbrannte Erde, sondern bewachsen von Farnen und Moosen, feucht in den Kapillaren vom alles durchdringenden Humor: ein Sumpf vor seiner Trockenlegung. Wie immer, wenn die Verzweiflung anklopft, vertraue ich mich den Pflanzen an. Sie haben keine Beine, um wegzulaufen, aber sie wachsen nach, wenn jemand sie abfrisst. Bestenfalls machen sie sich schwer verdaulich und werden andernorts wieder hervorgewürgt. So verteilen sie sich über die Landschaft. Unkraut ist störrisch. Es vergeht, aber es kommt wieder, garantiert.


Theater heute April 2025
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Veit Sprenger

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