Wenn Artisten altern
So leise kann der Neue Zirkus daherkommen: Acht Männerkörper bewegen sich zu kontemplativen Musik-Loops über die Bühne im Karlsruher Kulturzentrum Tollhaus. Was sie zeigen, ist kaum mehr als das kleine Einmaleins der Artistik – etwa der aufrechte Stand auf den Schultern eines anderen, der sich dabei durch den Raum bewegt. Und dennoch schafft die belgische There There Company hiermit besondere Momente. Denn hier treffen nicht acht virtuose Körperkünstler auf der Höhe ihres Könnens aufeinander. Sondern hier agieren vier Artisten mit ihren Vätern, die jeweils um die 60 sind.
«Carrying My Father» heißt die Produktion, die intim und fast zärtlich über männliche Rollenbilder und die Beziehung zwischen den Generationen nachsinnt.
Im Theater kennt man eine solche Konstellation seit dem Stück «Testament» des Perfor -merinnen-Kollektivs She She Pop, das zwischen 2010 und 2013 einige Festivalpreise abräumte. In der Artistik-Sparte rückt neben der sehr individuellen Frage, wie man seinen ganz persönlichen Generationenvertrag behandelt, die Vergänglichkeit der Körper in den Fokus. Am Ende von «Carrying My Father» entledigen sich die acht Akteure ihrer individuellen Kleidung, unter der sie ...
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Theater heute 11 2022
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Andreas Jüttner
Vier Körper liegen bäuchlings auf einer Rampe, den Kopf voran. Sie tragen lediglich Unterwäsche und scheinen hinab zu stürzen, ins Nichts zu fallen. Nur spärlich wird die Rampe erleuchtet, der Rest der Bühne versinkt im Dunkel. Minutenlang bleibt das Bild eingefroren, scheint unverändert im Dämmerlicht. Oder rutschen die Leiber? Verschiebt sich das Bild? Ohne dass...
Eine Frau hält sich ein Papier vors Gesicht und in die Kamera, darauf handgeschrieben: «Diese Sendung dauert eine Stunde. Für die weiblichen Schriftsteller sind davon 10 Minuten reserviert. 760 Frauen wurden angeschrieben. Daher bleiben für mich ca. 0,8 Sekunden. Betrachten Sie mich JETZT!» Die Frau lässt das Papier sinken, 0,8 Sekunden ist sie zu betrachten:...
Olga Grjasnowas Roman «Der Russe ist einer, der Birken liebt» war vor einigen Jahren ein Bezugspunkt fürs Theater: Yael Ronen inszenierte den Stoff 2013 zur Eröffnung von Shermin Langhoffs Intendanz am Berliner Gorki Theater und setzte so eine erste Duftmarke, wo dieses Theater identitätspolitisch hinwollte. Langhoff schwebte ein Theater für die multikulturellen...
