Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen

Das 11. Festival Politik im Freien Theater in Frankfurt am Main arbeitet sich explizit an Machtverhältnissen und Ermächtigungsstrategien ab

Theater heute - Logo

Vier Körper liegen bäuchlings auf einer Rampe, den Kopf voran. Sie tragen lediglich Unterwäsche und scheinen hinab zu stürzen, ins Nichts zu fallen. Nur spärlich wird die Rampe erleuchtet, der Rest der Bühne versinkt im Dunkel. Minutenlang bleibt das Bild eingefroren, scheint unverändert im Dämmerlicht.

Oder rutschen die Leiber? Verschiebt sich das Bild? Ohne dass wir Zuschauer:innen in der Lage wären, diese subtilen Verschiebungen und Verlagerungen zu erkennen? 

In «Still not Still» arbeitet die Choreografin und Performerin Ligia Lewis konsequent an den Grenzen der Wahrnehmung. Und dies auf vielen Ebenen: Beginnend bei der Sichtbarkeit auf einer stets nur knapp erhellten Bühne, im funzeligen Dämmerlicht von Lampen und Scheinwerfern, die auch von den Performer:innen selbst bewegt und ausgerichtet werden. So findet das Bühnengeschehen stets nur im Halbdunkel statt, im Möglichkeitsraum an der Schwelle zwischen Tag und Nacht, wo alle Katzen grau sind und das Publikum stets ein Stück weit im Ungewissen darüber, wo es sich eigentlich befindet. 

Und dann ist da, irritierender noch, die Verunsicherung, wer eigentlich die sieben Performer:innen sind, mit denen wir es zu tun haben – und in ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 11 2022
Rubrik: Festivals, Seite 40
von Esther Boldt

Weitere Beiträge
Tyrannenstudien

In der ehemaligen Telux-Glasfabrik ist längst der Kulturbetrieb eingezogen. Das postindustrielle Lounge-Ambiente der Hafenstube beherbergt seit 2017 ein Soziokulturelles Zentrum, gegenüber gedeihen in Hochbeeten Kürbis und Mangold, und zu den bescheidenen Überresten der hier noch ansässigen Glasindustrie gesellen sich Kreativunternehmen wie Holzschmiede und...

Im Wald baden gegangen

Immer wenn es das Establishment mit Gier, Ressentiment und Gewinnmaximierung auf die Spitze treibt – und dabei an seine Grenzen stößt –, wird die Sehnsucht nach einem Ort, der nicht Law and Profit bedient, sondern Fantasie, Gemeinschaftssinn, mitunter auch Rausch und Wahn, besonders groß. Wie ein solches Außen entspannter Anarchie und sorgefreien Dahinlebens zu...

Schaum und Schlamm

Zwar trennen sie hundert Jahre und ein Kontinent, die Vision künstlerischer Selbstbestimmung als subversives Spiel mit Rollenmustern und über Gendergrenzen hinweg haben sie sich beide auf die Fahnen geschrieben, die französische Fotokünstlerin, Literatin und queere Surrealistin Claude Cahun (1894–1954) und die Anfang der 1990er geborene US-amerikanische...