Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen
Vier Körper liegen bäuchlings auf einer Rampe, den Kopf voran. Sie tragen lediglich Unterwäsche und scheinen hinab zu stürzen, ins Nichts zu fallen. Nur spärlich wird die Rampe erleuchtet, der Rest der Bühne versinkt im Dunkel. Minutenlang bleibt das Bild eingefroren, scheint unverändert im Dämmerlicht.
Oder rutschen die Leiber? Verschiebt sich das Bild? Ohne dass wir Zuschauer:innen in der Lage wären, diese subtilen Verschiebungen und Verlagerungen zu erkennen?
In «Still not Still» arbeitet die Choreografin und Performerin Ligia Lewis konsequent an den Grenzen der Wahrnehmung. Und dies auf vielen Ebenen: Beginnend bei der Sichtbarkeit auf einer stets nur knapp erhellten Bühne, im funzeligen Dämmerlicht von Lampen und Scheinwerfern, die auch von den Performer:innen selbst bewegt und ausgerichtet werden. So findet das Bühnengeschehen stets nur im Halbdunkel statt, im Möglichkeitsraum an der Schwelle zwischen Tag und Nacht, wo alle Katzen grau sind und das Publikum stets ein Stück weit im Ungewissen darüber, wo es sich eigentlich befindet.
Und dann ist da, irritierender noch, die Verunsicherung, wer eigentlich die sieben Performer:innen sind, mit denen wir es zu tun haben – und in ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 11 2022
Rubrik: Festivals, Seite 40
von Esther Boldt
Politik und Poetik zusammenzubringen, das scheint dieses Jahr eines der großen Anliegen des Kunstfests Weimar unter der künstlerischen Leitung von Rolf C. Hemke. Der Klimawandel und seine Folgen sind dabei das Thema der Stunde und ziehen sich mit vier Produktionen wie ein roter Faden durch das Programm. Doch nicht nur der Umgang mit den kommenden Katastrophen, bei...
Das musste ja mal passieren. Der stets so prall von Touristenbussen befüllte Friedrichstadt-Palast, dieser gigantische Berliner Revuetempel, gibt seinen Spitzenplatz ab. Jetzt darf auch mal die so oft verschriene Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz die Nummer eins sein. Noch mehr «ausverkauft» und noch mehr Applaus geht wirklich nicht. Auch wenn «Kein Applaus für...
Bei Bertolt Brecht kam bekanntlich erst das Fressen, dann die Moral. Am Berliner Ensemble heute kommt erst der Box Office Hit, dann kommen die Kommentare. Den Hit besorgte noch im Som -mer 2021 Barrie Kosky mit einer wirkungsbewusst verspielten, musicalisierten «Dreigroschen -oper», die seither den großen Saal am Schiffbauerdamm regelmäßig füllt. Anschließend...
