Offen und unbestimmt
Olga Grjasnowas Roman «Der Russe ist einer, der Birken liebt» war vor einigen Jahren ein Bezugspunkt fürs Theater: Yael Ronen inszenierte den Stoff 2013 zur Eröffnung von Shermin Langhoffs Intendanz am Berliner Gorki Theater und setzte so eine erste Duftmarke, wo dieses Theater identitätspolitisch hinwollte.
Langhoff schwebte ein Theater für die multikulturellen westlichen Großstädte vor, so smart, divers und sexuell vieldeutig wie die junge, gut ausgebildete Generation dieser Städte, und Grjasnowas Heldin Mascha war (nicht zuletzt in der Gorki-Verkörperung durch Anastasia Gubareva) das perfekte Sinnbild dafür.
Die angehende Übersetzerin ist Tochter aserbaidschanischer Einwanderer:innen, lebt in Deutschland, hat mit Elias einen Profisportler als Freund. Alles ist offen und unbestimmt, Mascha bewegt sich zwischen unterschiedlichen Sprachen, lebt eine freie, mehrdeutige Sexualität, ist laut und einnehmend, sympathisch und nervig. Religion: jüdisch, Muttersprache: russisch, Pass: deutsch. Deal with it. Aber als Elias sich beim Fußball verletzt und stirbt, verliert sie den Boden unter den Füßen, bricht alle Kontakte in Deutschland ab und driftet durch Tel Aviv.
Der Roman und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 11 2022
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Falk Schreiber
Bei Bertolt Brecht kam bekanntlich erst das Fressen, dann die Moral. Am Berliner Ensemble heute kommt erst der Box Office Hit, dann kommen die Kommentare. Den Hit besorgte noch im Som -mer 2021 Barrie Kosky mit einer wirkungsbewusst verspielten, musicalisierten «Dreigroschen -oper», die seither den großen Saal am Schiffbauerdamm regelmäßig füllt. Anschließend...
Zu den Eigenheiten des Wiener Volkstheaters gehört die sogenannte Bezirke-Tournee. Seit 1954 tingelt das Theater – zusätzlich zum regulären Programm – mit eigens dafür produzierten Inszenierungen durch die Festsäle von Volkshochschulen und ähnlichen kommunalen Einrichtungen. Die Reihe «Volkstheater in den Außenbe -zirken» (heute: «Volkstheater Bezirke») ist eine...
Immer wenn es das Establishment mit Gier, Ressentiment und Gewinnmaximierung auf die Spitze treibt – und dabei an seine Grenzen stößt –, wird die Sehnsucht nach einem Ort, der nicht Law and Profit bedient, sondern Fantasie, Gemeinschaftssinn, mitunter auch Rausch und Wahn, besonders groß. Wie ein solches Außen entspannter Anarchie und sorgefreien Dahinlebens zu...
