Offen und unbestimmt

Pola Beck verfilmt Olga Grjasnowas Roman «Der Russe ist einer, der Birken liebt» in den Konventionen der Arthouse-Literaturverfilmung

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Olga Grjasnowas Roman «Der Russe ist einer, der Birken liebt» war vor einigen Jahren ein Bezugspunkt fürs Theater: Yael Ronen inszenierte den Stoff 2013 zur Eröffnung von Shermin Langhoffs Intendanz am Berliner Gorki Theater und setzte so eine erste Duftmarke, wo dieses Theater identitätspolitisch hinwollte.

Langhoff schwebte ein Theater für die multikulturellen westlichen Großstädte vor, so smart, divers und sexuell vieldeutig wie die junge, gut ausgebildete Generation dieser Städte, und Grjasnowas Heldin Mascha war (nicht zuletzt in der Gorki-Verkörperung durch Anastasia Gubareva) das perfekte Sinnbild dafür. 

Die angehende Übersetzerin ist Tochter aserbaidschanischer Einwanderer:innen, lebt in Deutschland, hat mit Elias einen Profisportler als Freund. Alles ist offen und unbestimmt, Mascha bewegt sich zwischen unterschiedlichen Sprachen, lebt eine freie, mehrdeutige Sexualität, ist laut und einnehmend, sympathisch und nervig. Religion: jüdisch, Muttersprache: russisch, Pass: deutsch. Deal with it. Aber als Elias sich beim Fußball verletzt und stirbt, verliert sie den Boden unter den Füßen, bricht alle Kontakte in Deutschland ab und driftet durch Tel Aviv. 

Der Roman und ...

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Theater heute 11 2022
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Falk Schreiber

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