Was sie sagen, ist nicht wahr
Was ist das für eine Justiz?», könnte man fragen, die eigentlich überzeugt ist von der Schuld einer Gruppe von Angeklagten, denen die vielfache Vergewaltigung und anschließende Ermordung eines fünfjährigen Jungen zur Last gelegt wird, und die doch die Waffen streckt und alle Beschuldigten freispricht, gegen ihre in der Urteilsbegründung geäußerte Überzeugung? «Was aber wäre das für eine Justiz?», müsste man fragen, die ihre im Prozess gewonnenen Überzeugungen über das juristisch Feststellbare stellte? «Was ist das also für eine Justiz?», fragt man sich, die verurteilt, in
dem sie freispricht? Die offensichtlich nicht genügend Unbezweifelbares in der Hand hat und in den Freispruch ihre im Verlauf des Prozesses gewonnene (und mit der öffentlichen Meinung geteilte) Überzeugung von der Schuld der Angeklagten hineinschreibt?
Das ist, oder besser gesagt: wäre, vielleicht auch ein Drama. Es könnte in einem Gerichtssaal spielen, Richter, Angehörige, Zeugen, Angeklagte wären das Personal, Aussagen, widerrufene Geständnisse, die unterschiedlichen Perspektiven der unterschiedlich Beteiligten wären das Material und die grundsätzliche Schwierigkeit, mit den Mitteln des Strafprozesses, der ...
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Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Die neuen Stücke, Seite 162
von Sebastian Huber
Wer sich gefragt hat, wo eigentlich Elfriede Jelineks Text oder Stück zum Fall Josef Fritzl bleibt – hier ist er oder es. «FaustIn and out» schaut in die Hölle, die sich vierundzwanzig Jahre lang in einem unterkellerten Haus in Amstetten in Österreich befand. Der mittlerweile zu lebenslanger Haft verurteilte Fritzl hatte seine Tochter im Keller eingesperrt, mit...
Ich würde erstmal kühn behaupten, dass es mich als Wutbürger gar nicht gibt. Außer natürlich bei himmelschreienden Ungerechtigkeiten und Urbösem (Bankenskandale, Korruption, Atomproblematik, Dritte Welt und ein paar weiteren, insgesamt mindestens sieben Todsünden). Eine dieser sieben Todsünden sind die seit längerem grassierenden Zerr- und Zerfallsformen von...
Iwan Wyrypajew will, dass seine Stücke nicht mehr gespielt werden. «Juli», «Sauerstoff», «Genesis Nr. 2»: «Schluss damit! Das war Experimentierphase», sagt er und verwirrt mich, der junge Russe: «Das neue Stück muss ich noch abkühlen lassen – die Emotionalität wegstreichen.» Aber haben nicht seine Theatertexte gerade wegen « … der Gier, der Erotik des Opfers, der...
