Was dräut denn da?
Anton Tschechow hätte sich vermutlich 1903 nicht träumen lassen, dass seine Szenen aus dem Landleben verarmender russischer Gutsbesitzer einmal den Lieblings-Bühnenspiegel einer bundesdeutschen Mittelstandsgesellschaft abgeben werden, deren Mitte so langsam der Stand wegbröckelt. Bei allen unübersehbaren Unterschieden gibt es gerade im «Kirschgarten» drei starke Brücken, die hundert Jahre mühelos überwinden: Geldverlust, Sinnverlust und Realitätsverlust.
Stellt sich nur die Frage: Was bleibt dann eigentlich am Ende noch?
In Leipzig versteht Regisseur Sebastian Hartmann die legendäre Obstplantage als mittlere Vorortlage. Ein leicht angeberischer, mehrtraktiger Fertigbungalow mit Kunstrasen (Bühne Susanne Münzner) ist städteplanerisch schlicht, nämlich rampenparallel platziert. Die angeblichen Kirschbäume werden im Zuschauerraum vermutet; jedenfalls wird das Publikum von der Bühne herunter entsprechend harthölzern adressiert. Mit dem Immobilienerwerb muss sich die Gutsgesellschaft etwas übernommen haben: Man fährt trotz Doppelgarage im stinkenden alten Lada vor und trägt billigen Kaufhaus-Chic. Weil der sächsische Vorstädter gerne Gartenparty hält, treffen sich alle am langen ...
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Um es gleich mal vorweg zu sagen: Hier geht es nicht um Unterschichts-Tristesse und Statusverlustängste von ehemals Besserverdienenden. Oder zumindest nicht so, wie man es in letzter Zeit gewohnt ist – gepaart mit trüben Aussichten und chronischer Weltuntergangsparanoia. In Sebastian Nüblings Münchner Kammerspiel-Inszenierung von «Endstation Sehnsucht» ist man...
Einen grundsympathischen Parzival hat sich Lukas Bärfuss frei nach Wolfram von Eschenbach da ausgedacht: ein ordentlicher Zivilisations-Bildungsweg in zehn Szenen, der vom Kaspar-Hauser-Schicksal des in der Einöde aufgewachsenen Kindes über diverse Rittergroßtaten zur Gralsherrschaft führt, die man gut protestantisch erst durch Verzicht erreicht.
Einer, der die...
Es beginnt schon im Programmheft zu Laurent Chétouanes Büchner-Inszenierung. Zwei Texte von Roland Barthes kreisen darin um den Zustand der Erschöpfung, des fundamentalen Überdrusses, davon, «von unserer Lebensweise, unserem Verhältnis zur Welt genug zu haben. ... Alles wiederholt sich, alles dreht sich im Kreis: die gleichen Aufgaben, die gleichen Begegnungen,...
