Vorteile des Vatermords

nach Euripides «Bakchen – die verlorene Generation» im Schauspielhaus Dortmund

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Vielleicht wirken sie zu stark, in ihrem trotzigen Durchhaltevermögen. Vielleicht sind sie zu leise geworden, weil sie so oft niemand verstanden hat. Vielleicht sind sie, die Kinder und Jugendlichen, aber auch Opfer uralter und mieser Erwachsenen-Reflexe: dem Reflex, junge Menschen nicht für voll zu nehmen; jugendliche Wut auf die Hormone zu schieben, statt auf die kaputte Gesellschaft; nur die eingeschlagenen Schaufenster in der Stuttgarter Innenstadt zu sehen, nicht aber die seelenzersetzende Isolation in der Pandemie.

 

Mit «Bakchen – die verlorene Generation» rückt die Dortmunder Schauspiel-Intendantin Julia Wissert Kinder und Jugendliche, also diejenigen, die eine Hauptlast der Covid-19-Jahre getragen haben und tragen, ins Zentrum ihrer Spielzeiteröffnung. Ihr gelingt ein beeindruckender Abend über Einsamkeit und Exzess. 

Sabine Reich, die das Theater als Chefdramaturgin verlässt, dem Haus aber verbunden bleibt, hat Euripides’ fast zweieinhalbtausend Jahre alte Tragödie in ein ambivalentes Generationendrama überführt. Nicht die Frauen Thebens schließen sich hier dem Party-Gott Dionysos an, sondern die Jugend. Sie spüren, dass auch Dionysos einer ist, der nie gehört wurde, und ...

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Theater heute 11 2022
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Cornelia Fiedler

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