Vorteile des Vatermords

nach Euripides «Bakchen – die verlorene Generation» im Schauspielhaus Dortmund

Theater heute - Logo

Vielleicht wirken sie zu stark, in ihrem trotzigen Durchhaltevermögen. Vielleicht sind sie zu leise geworden, weil sie so oft niemand verstanden hat. Vielleicht sind sie, die Kinder und Jugendlichen, aber auch Opfer uralter und mieser Erwachsenen-Reflexe: dem Reflex, junge Menschen nicht für voll zu nehmen; jugendliche Wut auf die Hormone zu schieben, statt auf die kaputte Gesellschaft; nur die eingeschlagenen Schaufenster in der Stuttgarter Innenstadt zu sehen, nicht aber die seelenzersetzende Isolation in der Pandemie.

 

Mit «Bakchen – die verlorene Generation» rückt die Dortmunder Schauspiel-Intendantin Julia Wissert Kinder und Jugendliche, also diejenigen, die eine Hauptlast der Covid-19-Jahre getragen haben und tragen, ins Zentrum ihrer Spielzeiteröffnung. Ihr gelingt ein beeindruckender Abend über Einsamkeit und Exzess. 

Sabine Reich, die das Theater als Chefdramaturgin verlässt, dem Haus aber verbunden bleibt, hat Euripides’ fast zweieinhalbtausend Jahre alte Tragödie in ein ambivalentes Generationendrama überführt. Nicht die Frauen Thebens schließen sich hier dem Party-Gott Dionysos an, sondern die Jugend. Sie spüren, dass auch Dionysos einer ist, der nie gehört wurde, und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 11 2022
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Cornelia Fiedler

Weitere Beiträge
Vom Tanzen und Sterben

Diese Situation kennt man vielleicht aus wirren Albträumen: Man hat eine Leiche am Hals, weiß nicht, woher sie kommt und ob man selbst für den Tod des Menschen verantwortlich ist. «Hitze» («La Chaleur»), der erfolgreiche Debütroman des Franzosen Victor Jestin (Jahrgang 1994), fängt mit einer ähnlich absurden Situation an: Der 17-jährige Léonard beobachtet den...

Im Angesicht der Katastrophen

Politik und Poetik zusammenzubringen, das scheint dieses Jahr eines der großen Anliegen des Kunstfests Weimar unter der künstlerischen Leitung von Rolf C. Hemke. Der Klimawandel und seine Folgen sind dabei das Thema der Stunde und ziehen sich mit vier Produktionen wie ein roter Faden durch das Programm. Doch nicht nur der Umgang mit den kommenden Katastrophen, bei...

Fünf vor zwölf

Irgendwann steht Jens Harzer an der Rampe und erzählt Naturwissenschaftler-Witze. «Was soll man machen, wenn man ein hellgrünes Alien sieht? Warten, bis es reif ist.» Dann lacht er affek -tiert, und die Zuschauer:innen im Hamburger Thalia Theater lachen freundlich mit. Das gibt einen kleinen Hinweis darauf, wie viel das Publikum Robert Wilson zu vergeben bereit...