Vorteile des Vatermords
Vielleicht wirken sie zu stark, in ihrem trotzigen Durchhaltevermögen. Vielleicht sind sie zu leise geworden, weil sie so oft niemand verstanden hat. Vielleicht sind sie, die Kinder und Jugendlichen, aber auch Opfer uralter und mieser Erwachsenen-Reflexe: dem Reflex, junge Menschen nicht für voll zu nehmen; jugendliche Wut auf die Hormone zu schieben, statt auf die kaputte Gesellschaft; nur die eingeschlagenen Schaufenster in der Stuttgarter Innenstadt zu sehen, nicht aber die seelenzersetzende Isolation in der Pandemie.
Mit «Bakchen – die verlorene Generation» rückt die Dortmunder Schauspiel-Intendantin Julia Wissert Kinder und Jugendliche, also diejenigen, die eine Hauptlast der Covid-19-Jahre getragen haben und tragen, ins Zentrum ihrer Spielzeiteröffnung. Ihr gelingt ein beeindruckender Abend über Einsamkeit und Exzess.
Sabine Reich, die das Theater als Chefdramaturgin verlässt, dem Haus aber verbunden bleibt, hat Euripides’ fast zweieinhalbtausend Jahre alte Tragödie in ein ambivalentes Generationendrama überführt. Nicht die Frauen Thebens schließen sich hier dem Party-Gott Dionysos an, sondern die Jugend. Sie spüren, dass auch Dionysos einer ist, der nie gehört wurde, und ...
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Theater heute 11 2022
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Cornelia Fiedler
Ist also nun «Gas» von Georg Kaiser das Stück der Stunde? Immerhin hört man da Sätze, die ohne große Not auf die derzeitige brenzlige weltpolitische Schieflage bezogen werden können; Krieg, Abhängigkeit, Lieferstopp – alles drin: «Die gesamte Rüstungsindustrie ist auf Gas eingerichtet. Das Fehlen dieses Betriebsstoffes würde die Fabrikation des Waffenmaterials auf...
«Mödchen» hat es gerade schwer. «Schnief schnief schnief», beginnt der Text, und es/sie betont gleich mehrfach, sie sei «entzweigebrochen und nicht wieder heilgeworden». Mehr könne sie «vorerst nicht anbieten». Wenn die Anzeichen, zu denen eine lange Playlist gehört, darunter Helene Fischers «Atemlos», nicht trügen, handelt es sich um einen schweren Fall von...
«Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners»
Heinz von Foerster
Wir sind hier im Theater, und da hat die Wahrheit ihre Grenzen», sagt der Theaterdirektor in Pi -randellos Stück «Sechs Personen suchen einen Autor». Das gilt natürlich erst recht für das «Theatre of War», wie man im Englischen den Kriegsschauplatz bezeichnet. Dort stirbt bekanntlich die Wahrheit zuerst....
