Vehikel zur Metaphysik
Als Kind war er fasziniert von den Artisten im Zirkus. Sein Vater, ein französischer Architekt, konstruierte Kirchen und Theater. Seine Mutter, eine Schweizer Schauspielerin, nannte ihn Valère, weil sie grad in Molières Komödie «Der Geizige» spielte. Was hätte er anderes werden können?
Valère Novarinas Theater ist Sprachakrobatik in Dramenkathedralen, komisch und transzendent, jedenfalls in dem konkreten Sinn, dass hier das Wort Fleisch wird.
Ein Stück von ihm heißt schlicht «La Scène», die Bühne – der Raum, in dem die Spielenden präsent sind und die Texte Körper bekommen. «Je cherche un homme», sagt da einer, «ich suche einen Menschen», die wesentlich vertrautere, absurd unsichere Gegenstrategie zum selbstgewissen «Ecce Homo». In allen Sprachen sucht er, eingeschlossen Manegen-Griechisch und Kirchen-Latein, und als er schließlich beim Spanischen angelangt ist, «busco un hombre», wird es bei der Rückübersetzung ins Französische unfehlbar zu «Je cherche une ombre»: Schattensuche.
Mehrere tausend Figuren
Wortspiele sind bei Novarina das Vehikel zur Metaphysik, oder vielmehr zur Physik an sich. Er kam am 4. Mai 1942 in der Nähe von Genf zur Welt und lebte neben Paris in einem Chalet ...
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Theater heute März 2026
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Andreas Klaeui
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