Kunst ermöglichen, Kunst zulassen
Kennengelernt habe ich Bernd Wilms, damals Dramaturg an den Münchner Kammerspielen (1983–1986), bei meiner ersten (noch unbezahlten) Arbeit als zweiter Regieassistent. Ich kam gerade aus dem Zivildienst – und hatte mir einen Dramaturgen genauso vorgestellt: Pfeife, Hut, Trenchcoat sowie eine mit Büchern und Papier überladene Aktentasche. Ein bisschen wie Sherlock Holmes. Das Ganze ist gut 40 Jahre her, man schrieb noch keine E-Mails und Textbücher wurden mit der Schere zerschnitten. Tipp-Ex wurde meine Lieblingsflüssigkeit.
Bei meinem Bewerbungsgespräch kotzte ich zuerst über die öffentliche Probe von Franz Xaver Kroetz’ Regiearbeit seines eigenen Stücks «Bauern Sterben» ab. Ich fand die wüsten sexuellen Zuschreibungen der Prostituierung der jungen Bauerstochter skandalös. Nicht ahnend, dass Wilms die Produktion betreute und eng mit Kroetz verbunden war. (Später warf dieser ihm in einem cholerischen Wutanfall eine geplante Eröffnungsinszenierung am DT vor die Füße, aber das ist eine andere Geschichte.) Rückblickend blieb diese Inszenierung eine für mich unvergesslich intensive Theatererinnerung – und offenbar hatte dem Dramaturgen das, wenn auch naseweise, so doch leidenschaftliche Plädoyer des 21-Jährigen gefallen. Ich durfte also mitschreiben beim hochliterarischen, sehr nerdigen Programmheft, für das wir die Weltliteratur nach passenden Miniaturen durchsuchten, und Bernd legte jedes Wort in den vorhandenen Übersetzungen auf die Goldwaage. So begann meine Zusammenarbeit mit diesem so distanziert wirkenden Mann, die uns gemeinsam drei Theater erobern ließ: in der Provinz in Ulm, am Berliner Maxim Gorki Theater und schließlich – nach unheimlichen Wirren am Ende glanzvoller Jahre – am Deutschen Theater Berlin.
Ich habe in diesen Jahren viel von Bernd Wilms gelernt. Das erste: dass man nicht sein Leben lang Dramaturg bleiben kann. Irgendwann willst du, dass der Stuhl rot angestrichen wird, wenn du das vorschlägst, und nicht grün bleibt.
So wurde der Dramaturg Wilms zunächst ein sehr leidenschaftlicher Leiter der Otto-Falckenberg-Schule (1986–1991), bevor er schließlich selbst ein Theater anführte: «In Wahrheit bin ich wegen der Schule Intendant geworden», sagte er später. «Ich wollte von so vielen begabten Menschen nicht immer nur ein paar Seiten aus dem Reclam-Heft vorgetragen sehen. Ich wollte ein Ensemble gründen.»
Das Gewohnte und das Bessere
Dieser freundlich-intellektuelle Sherlock Holmes konnte ziemlich unnachgiebig sein, wenn es darum ging, das Bessere gegen das Gewohnte durchzusetzen. Eine Qualität, die ihm als Intendant bald einigen Ärger, aber auch eine beachtliche späte Karriere bescheren sollte.
Bernd Wilms war schon Anfang 50, als er spät, aber entschieden beschloss, als Intendant ans Theater Ulm, also in die Provinz zu gehen (1991–1994). (Und ich wagte das Abenteuer, als ein sehr junger Chefdramaturg mitzugehen.) Als Neuling krempelte er, vielleicht nicht wirklich ahnend, was das bei den Abonnenten auf der schwäbischen Alb bedeuten würde, alle drei Sparten auf einmal um. Das Ergebnis waren glänzende Kritiken in der «Süddeutschen Zeitung», einige unvergessliche Theaterabende mit seiner Setzung, dem neuen Tanztalent Joachim Schlömer als Ballettchef oder den grandiosen jungen Opernentdeckungen von der Dirigentin Julia Jones bis zum später internationalen Gesangs-Star Angela Denoke. Ausgerechnet in «Kleiner Mann, was nun?», unserem leicht sentimentalen Friedensangebot ans aufgebrachte Publikum, führte ein aufgereckter Plastikdildo zu Tausenden von Abonnement-Kündigungen, schließlich zu einem zurücktretenden Intendanten – und dem Ruf Wilms’ nach Berlin.
Am Maxim Gorki Theater (1994–2001) waren wir, fünf Jahre nach der Wende, die einzigen Wessis an einem Ost-Berliner Theater. Als wir unseren ersten Spielplan hausintern vorstellten, gab es eine einzige Nachfrage aus dem Ensemble: «Wen meinen Sie, wenn Sie ‹wir› sagen?» Gerade war das Schiller Theater geschlossen worden, und auch das Gorki stand auf einer Abschussliste. In der ersten Spielzeit gelang Wilms zuerst das hinreißende Debüt von Kühnel und Schuster mit den Puppen-Stars von Suse Wächter: «Weihnachten bei Ivanovs». Und dann, ein regelrechter Berliner Theater Coup: Mit Harald Juhnke als Hauptmann von Köpenick hatten wir hoch gepokert – und gewonnen. Wilms’ Liebe zum Unterhaltungstheater – schließlich hatte er über den deutschen Schwank promoviert und hinreißend Offenbach übersetzt – hatte in dem boulevardfesten Juhnke den großen Schauspieler erkannt.
Die Schlangen standen bei Kassenöffnung rund um das kleine Theater, und von Schließung war keine Rede mehr. Auch Regisseurin Katharina Thalbach wurde eine feste Größe mit enormem volkstheatralen Potential. Und schließlich wurde die nächste berlinische Stoff-Entdeckung – «Berlin Alexanderplatz» mit Ben Becker und Re -gine Zimmermann (Wilms hatte immer schon eine Nase für Schauspieler!) – die Eintrittskarte für seine Intendanz am Deutschen Theater Berlin (2001–2008).
Eine beispiellose Pressekampagne wurde losgetreten, «Rettet das Deutsche Theater» hieß es da, und das hässliche Wort von der «Laubenpieperlösung» wurde in die Welt gesetzt. Damals lernte ich von meinem Intendanten, was Nehmerqualitäten sind und wie man durchhält, wenn man von seiner Sache überzeugt ist. Und dass es (und das ist noch heute so) in Berlin immer dauert, bis der richtige Weg für die Neubestimmung eines Hauses gefunden wird.
Mit Michael Thalheimers «Emilia Galotti», einer der Eröffnungsinszenierungen 2001, tourten wir um die Welt, Ingo Hülsmann und Sven Lehmann fanden sich als Spielerpaar, eine von der Theatertreffen-Jury allerdings ebenso links liegengelassene Aufführung wie die spätere Aufführung des Jahres, «Die Perser» in der Regie von Dimiter Gotscheff, mit der sich auch das zweite Schauspieler-Duo Wolfram Koch/Samuel Finzi etablierte.
«Verweile doch»
Einem Rausschmiss durch Kultursenator Flierl kam Wilms durch eine eigene Nicht-Verlängerungserklärung zuvor. Am Tag der Ausrufung seines Nachfolgers Christoph Hein wurde die vorplatzfüllende Skulptur «Verweile doch» eingeweiht – als self-fullfilling prophecy: Plötzlich gelang diesem DT ein Erfolg nach dem anderen. Jürgen Gosch inszenierte seine messerscharfe «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?», und Thalheimer begann seinen Doppel-«Faust». Der designierte Nachfolger Hein blieb lieber Schriftsteller und sagte, wohl etwas verschüchtert, ab – Wilms kehrte als Sieger heim. Es begannen nahezu unheimlich erfolgreiche Jahre, die in den großen Inszenierungen «Onkel Wanja» (Regie Gosch, Dramaturgie Wilms!), «Die Ratten» (Thalheimer mit dem unvergessenen, viel zu früh verstorbenen Sven Lehmann) oder Gotscheffs «Handlungsreisender» mit den Groß-Granden Christian Grashof und Margit Bendokat. Theatertreffen, Theater des Jahres 2005 – Wilms hatte gewagt, durchgehalten und schließlich gewonnen. Schon damals, 2008, mit einigen Krankheiten kämpfend, zog er sich gelassen und ziemlich glücklich nach sieben Jahren an der Spitze des DT vom Intendantensein zurück.
Was einen guten Theaterleiter ausmacht, hat Wilms mit Blick auf Arno Wüstenhöfer einmal so definiert: «Ein Intendant ist jemand, der Begabungen aufspürt und freisetzt, ein Intendant ist ein Entdecker. Er hat die richtige Nase. Ein Intendant ist einer, der Kunst ermöglicht und zulässt (und keiner weiß genau, welchen Anteil er daran hat). Ein Intendant will die ‹besten Leute› um sich versammeln, sie fördern und verteidigen. Und weiter im Bilderbuch. Er sucht nie den eigenen Ruhm, sondern den des Theaters. Er bestellt sein Haus, dass andere darin gedeihen.» Auch meinen weiteren Weg, zuerst als ihm nachfolgender Interimsintendant, hat er mit ermöglicht – insbesondere, weil er mir kein einziges meiner Fehl-Urteile in all den Jahren jemals vorgeworfen hat. Danke, Bernd, das war groß von Dir! Jetzt ist dieser leidenschaftliche Ermöglicher im Alter von 85 Jahren und in großer Nähe zu seiner Frau Brigitte in Berlin gestorben.
Theater heute März 2026
Rubrik: Akteure, Seite 40
von Oliver Reese
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