Utopische Gemeinschaft

Leonie Böhm stellt in Basel mit Goethes «Wahlverwandtschaften» große Fragen und zeigt im Quartett komplexe Gefühle

Theater heute - Logo

Man könnte es sich leicht machen und behaupten, in Goethes «Wahlverwandtschaften» ginge es um die Liebe, die zwei Menschen zu einem Liebes- oder sogar Ehepaar macht. Man könnte behaupten, in dem Roman werde das Ehepaar Charlotte und Eduard von Eduards Freund Otto und Charlottes Nichte Ottilie herausgefordert, orientiere sich weg voneinander nach außen – und scheitere an dieser Neuorientierung.

Man könnte es aber auch komplizierter beschreiben.

Dann zeigen diese vier Menschen als Mikroexperiment eine Gesellschaft im Umbruch, dann verkörpert das ursprüngliche Paar Charlotte und Eduard nur die alte Weltordnung, sind Charlottes Wünsche, es möge alles so bleiben, wie es ist, ein konservatives Beharren auf dem Bestehenden, das einer neuen Zeit mit dem Rückzug ins Private begegnet und aktuellen Herausforderungen nicht gerecht wird.

Gegenentwurf zum «Weiter so»
Am Theater Basel liest Leonie Böhm Goethes Roman auch auf diese zweite Art, deutet die Neukonstellation der vier Personen als Gegenentwurf zum Wunsch des «Weiter so». Sie zeigt mit Goethe, wie freudig sich manche Menschen Veränderungen stellen, während sie anderen große Schwierigkeiten bereiten.

Auf ihre bewährte Art bedient sich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2026
Rubrik: Aufführungen, Seite 26
von Valeria Heintges

Weitere Beiträge
Wir sprechen schon wieder Unsinn

Als Claus Peymann 1966 die Uraufführung von Peter Handkes «Publikumsbeschimpfung» in Frankfurts kleinem Theater am Turm inszenierte, war Handke 23 Jahre alt. 23 Jahre, das ist ein Alter, in dem man sich leidenschaftlich über die Zustände aufregen darf, als ob man als Einziger den Durchblick habe und entsprechend berufen sei, das Alte zu zerstören, um den Weg für...

Fragile Räume offenhalten

Tokyo, Kyoto, Nagoya: Auf dieser Route bewegten sich letzten Herbst viele Akteur:innen und Beobachter:innen, die sich für die Performing Arts Szene in Japan interessierten. Selten war die Dichte neuer zeitgenössischer Theater- und Tanzproduktionen so groß, fanden doch fast zeitgleich drei Festivals statt, die neben internationalen Gastspielen einen Fokus auf das...

Wildern im Revier der Männer

Der Sprung ins kalte Wasser. Die Ich-Erzählerin in Constance Debrés Autofiktion «Love me tender» wagt ihn: Mit Körperspannung und offenen Augen taucht sie ab in eine neue Existenz zwischen Mut und Übermut, Sehnsucht und Isolation. Die Figur, ein Alter Ego der französischen Schriftstellerin Constance Debré, schwimmt buchstäblich gegen den Strom. Tag um Tag zieht sie...