Ins System reingehen!

In München stellt das Bündnis Kultur zur Kommunalwahl eine eigene Liste auf mit dem Ziel: nicht um Gelder bitten, sondern selbst entscheiden – ein Gespräch

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Theater heute Überall muss gespart werden, viele Kommunen kürzen ihre Kulturbudgets, so auch in München. In der Regel wenden sich Institutionen und freie Träger dann mehr oder weniger verzweifelt an die Politik, um das Schlimmste abzuwenden. In München gehen Sie nun einen anderen Weg: Sie wollen selbst in die Politik und haben für die Kommunalwahl im März das Bündnis Kultur gegründet, mit einer 80-köpfigen Liste und mit Ihnen, Christiane Pfau, als Oberbürgermeisterkandidatin.

Wie geht das? Wie wird man Partei, wie wird man Politik?
Christiane Pfau Die Entscheidung für das Bündnis Kultur ist lange gewachsen. Kathrin Schäfer und ich machen seit über dreißig Jahren Kultur-PR in München, kennen die Szene aus verschiedensten Perspektiven, und als nach Corona die großen Haushaltskürzungen kamen, war uns klar, dass wir die Seiten wechseln müssen, um wirklich etwas zu verändern. Immer als Bittsteller vor der Tür zu stehen, macht klein und auch keinen Spaß. Wenn wir wirklich etwas ändern wollen, wenn wir wirklich mitbestimmen wollen, müssen wir ins System rein.

TH Man hätte sich auch einer bestehenden Partei anschließen können.
Pfau Uns war schnell klar, dass das Andocken an eine bestehende Struktur keinen Sinn macht. Erstens finden wir zwar einige Parteien ganz okay, aber keine so, dass wir da mitarbeiten wollten. Und immer wären wir ganz unten auf der jeweiligen Liste gelandet, und es hätte möglicherweise Jahre gedauert, sich hochzuarbeiten. So viel Zeit haben wir nicht! Und wir wollen auch keine faden Kompromisse mit bestehenden Parteiprogrammen eingehen müssen.

TH Sie haben dann eine eigene Wählergruppe gegründet. Wie geht sowas?
Pfau Zum einen haben wir letzten März angefangen, uns zu treffen und zu organisieren. Das war einerseits ein interner Prozess unter den Kulturschaffenden, die wir kennen und angesprochen haben. Aber wir haben auch einen Kaminkehrermeister auf der Liste, eine Friseurmeisterin, eine Copyshop-Chefin, wir haben Schüler:innen, Student:innen, darunter 46 Frauen, und stellen im übrigen die einzige Oberbürgermeisterin-Kandidatin. Alle zwölf anderen Kandidaten sind Männer – im Jahr 2026! Das allein ist schon skandalös. Andererseits gibt es demokratische Spielregeln vom Wahlamt, beispielsweise tausend Unterschriften bis zu einem bestimmten Termin, Aufstellungsversammlungen, Prüffristen usw. Das hat alles durch die Mithilfe von sehr vielen Leuten gut geklappt. Besser, als wir erwarten konnten! Und dann sind wir in den Wahlkampf gestartet: Wir machen jetzt in vier Wochen, was die anderen Parteien zwei Jahre lang vorbereiten. Dafür haben wir sehr kompetente Leute für Grafikdesign, Social Media, Homepage, Plakate – ein Netzwerk, das über drei Jahrzehnte Kulturarbeit gewachsen ist und jetzt massiv greift.

TH Muss man sich das Bündnis Kultur als eine eher kulturinsiderische Liste vorstellen, oder kann es für alle Münchner:innen interessant werden?
Pfau Ich glaube, dass wir für sehr viele Münchner:innen interessant sind, weil wir besonders drei Bereiche ansprechen: Kunst, Bildung und Soziales. Der Kunstbereich ist uns zwar beruflich am nächsten und durchdringt unser Leben, aber er ist auch engstens mit Bildung und Sozialem verwoben. Diese drei Elemente sind genau das, was unsere demokratische Gesellschaft stützt gegenüber den Anfechtungen, die wir gerade erleben. Wenn einer dieser Bereiche verletzt wird, leiden alle drei, wenn alle drei wegfallen, dann gute Nacht. Wir haben in den letzten Jahren gesehen, dass man das eine nicht gegen das andere ausspielen darf. Wir kommen zwar aus der Kunst, aber wir haben Erfahrungen mit unseren Kindern, mit dem Schulwesen und Universitäten, mit Wohnungsnot, mit pflegebedürftigen Eltern, mit migrantischen Gruppen. Das greift alles ineinander. Wer anfängt, daran herumzuschneiden und sich dann über den Aufstieg der Rechtsextremen beschwert – selber Schuld!

TH Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?
Pfau Wir wollen uns vor allem nach der Wahl am 10. März nicht vorwerfen, wir hätten’s nicht probiert!

TH Nehmen wir mal an, Sie würden die erste Münchner Oberbürgermeisterin, Frau Pfau, und ziehen in Fraktionsstärke in den Münchner Stadtrat ein, was machen Sie dann als Erstes?
Pfau Zwei Dinge: Herrn Ministerpräsident Söder und Herrn Kulturminister Blume, also den Freistaat Bayern sehr nachdrücklich einladen, damit sie uns erklären, warum sie die Kulturabgabe in Bayern boykottieren. Der Freistaat verbietet nämlich ausdrücklich die Übernachtungsabgabe, die in anderen deutschen Städten gang und gäbe ist. Mit diesem Geld könnte gerade in München so viel so schnell und so effektiv repariert werden! Das andere: Wir würden alle demokratischen Parteien zu einem offenen Gespräch einladen, um festzuhalten, dass wir niemandem etwas wegnehmen wollen. Wir wollen nur die Strukturen stärken und bewahren, auf denen unser demokratisches Gemeinwesen ruht. Und das mit sachlicher Politik ohne Profilierungssucht. Die Stadt muss wieder gut werden – sie war doch schon einmal so viel besser!

Das Gespräch führten Eva Behrendt und Franz Wille


Theater heute März 2026
Rubrik: Foyer, Seite 3
von Eva Behrendt und Franz Wille

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