Ups and Downs im Empire
Auf den ersten Blick ist das Post-Brexit-London noch immer die pulsierende Weltmetropole, die es stets war. Ein Wunder an funktionstüchtigem, im Minutentakt anfahrenden öffentlichem Nahverkehr; die Verkehrswende, von der verstopfte deutsche Städte nur träumen können, längst geschafft. Die versmogte Stadt, in der sich nichts mehr bewegt, ist längst Vergangenheit. Die Kreditkarte, die hier jeder besitzt, wird kurz vors Display gehalten, und schon ist man durch die Barriere, Kontrollen überflüssig.
In den Waggons sitzen vielsprachige Menschen aller Herkünfte aus allen Welten und allen Altersgruppen, vermutlich allerdings nicht aus allen Einkommensgruppen. In London Central zwischen Notting Hill, Southbank, Piccadilly und Chelsea reiht sich ein Luxusgeschäft ans nächste, hinterm Maserati parkt der Range Rover, die Karossen werden aber vermutlich eher für den Wochenendtrip ins Landhaus genutzt. Ein Stück Käsekuchen kostet auch mal 12 Pfund, die Theaterkarte in den kleineren Theatern zwischen 40 und 65, in den großen geht es auch bis 90 Pfund hoch. Die Innenstadt, durch die sich die Theaterbesucherin bewegt, ist ein Eldorado der Superreichen, die den vielen Bettlern sehr sporadisch ein ...
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Theater heute 4 2023
Rubrik: International, Seite 40
von Barbara Burckhardt
Warum nicht einmal etwas leicht machen? Wo ohnehin alles schon schwer genug ist. Ausgerechnet die Münchner Kammerspiele, die sich sonst gern aller kursierender Probleme annehmen, verheißen das, indem sie das Urdrama eines unauflöslichen Konflikts in sogenannte «Leichte Sprache» übertragen lassen, von einer Übersetzerin, die, welch ein Omen, auch noch den schönen...
Die Komödien von Yasmina Reza sind allseits beliebt, es gibt allerdings nur relativ wenige davon. Also sicherte das Burgtheater sich die Bühnenrechte für den jüngsten Roman der französischen Boulevardvirtuosin. «Serge», 200 Seiten kurz, schildert eine krisenhafte Episode im Leben einer jüdischen Pariser Familie, deren Kern die drei Geschwister Serge, Jean und Nana...
Auf der Bühne stehen schwarze Stühle, auf die sich beim Einlass nach und nach Personen in schicker blaugrüner Abendkleidung setzen, elegant ihre Beine übereinanderschlagen, den Blick ins Publikum gerichtet. Doch über ihren Köpfen tragen sie weiße Stoffmasken, über ihren Körpern weiße Anzüge wie eine zweite Haut: Es ist eine anonyme, gespenstische Versammlung, die...
