Schuld und Heldentum
Oben hockt Tell mit seiner Armbrust in der golden leuchtenden Steilwand, von der herab er Gessler erschossen hat. Unten kriecht ein blutbeschmiertes Volk hervor und skandiert: «Tell, der Schütze und Befreier.» Dieser Tell ist kein Held, sondern ein von dem Bewusstsein seiner Schuld für einen Mord aus dem Hinterhalt zerfressener Einzelgänger.
Eine Inszenierung von Schillers «Wilhelm Tell» stellt immer wieder die Frage «Wo stehen wir jetzt?».
Ob es 1919 der Aufbruch in die Republik war oder 1932 die Warnung vor den Nationalsozialisten oder 1949 die Betonung der Einzelverantwortung des Individuums, im Kalten Krieg der Aufruf zum Widerstand gegen die Besatzer im jeweils anderen Teil Deutschlands, 1965 die Kritik am Nationalsozialismus der Väter oder 1989 der Fall der Mauer, immer bot das Stück sich an, um im Theater Bezüge zur aktuellen politischen Situation herzustellen. Roger Vontobels Antwort heute ist: Wir stehen in der Mitte zwischen Freiheitskampf und Schuldbewusstsein.
Die Düsseldorfer Inszenierung versucht den alten Schulschinken für die Gegenwart genießbar zu machen, ohne sich polemisch auf die übermächtige Rezeptionsgeschichte zu beziehen. Dazu sind nur ein paar kleine ...
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Theater heute 4 2023
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Gerhard Preußer
Robert Musils knapper Roman «Die Wirrungen des Zöglings Törleß» von 1906, sein einziger literarischer Erfolg zu Lebzeiten, landet derzeit des Öfteren auf deutschen Bühnen. Offenbar ist die dargestellte geistig-seelische Entwicklung des sensiblen Schülers Törleß in einem Elite-Internat fern der Stadt nach wie vor interessant, wird Törleß dort doch mit den...
Gerade fuhr der elfjährige Renat noch mit dem Skateboard auf der Bühne herum. Nun hält ihn eine fremde Frau an der Hand und erzählt vorne am Bühnenrand, dass sein Onkel vor wenigen Tagen im Ukraine-Krieg gefallen ist. Dass seine Mutter Marta gerade nach Irpin zurückgefahren ist, um ihn zu beerdigen. Nein, nein, das können wir so nicht machen, ruft die musikalische...
Alle drei Jahre wechselt beim Augsburger Brechtfestival turnusmäßig die künstlerische Leitung. Dabei gehört es jeweils zum Narrativ, dass der Neue (eine weibliche Kuratorin gab es bislang noch nicht) die ganze Veranstaltung erst einmal wachküssen muss. Als wäre das, was die Vorgänger hinterlassen haben, ungenießbar alter Kaffee.
Ein ewiges Ringen um Neubeginn...
