Überleben in der Kunst
Selten so einen gründlich desillusionierten Odysseus gesehen: Die fahlen Furchen im unrasierten Gesicht von Jörg Pose erzählen nichts von griechischer Größe, sondern nur von Müdigkeit, Entbehrung und einer Sorte von Gedanken, die sich ausschließlich noch mit dem Überleben beschäftigt. Der Körper in seiner grobgepixelten Fantasie-Militärkluft steht zwar gerade, wirkt aber trotzdem hängeschultrig schlaff, die Schritte sind mehr ein energiesparendes Schleichen als aufrechte Fortbewegung.
Und dann die Stimme: Kaum eine Spur mehr von Satzmelodie, stattdessen unerbittliches Raunen auf einem Ton, das Heiner Müllers Blankvers in emotionslos dahinratterndes Schlussfolgerungswesen überträgt. Die penibel eingehaltenen Zeilensprünge wirken wie erste unmerkliche Absencen. Dieser Mensch ist zur Maschine geworden – und er hat nicht den geringsten Spaß daran.
Heiner Müllers «Philoktet» ist ein funkelnder Edelstein der Ausweglosigkeit. Geschrieben auf den Höhen des Kalten Kriegs, zu Beginn der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts in der frühen, poststalinistischen DDR, entwirft er eine skrupellose Welt, in der das Überleben des Staates alles rechtfertigt. Die Griechen unter Odysseus haben den ...
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Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Franz Wille
Im Berliner Kulturverlag Kadmos sind zwei Bände höchst aktueller Theatergeschichte erschienen, die von der gesellschaftlich offenen und formal kühnen Theaterarbeit des Autors Sergej Tretjakow, des Regisseurs Wsewolod Meyerhold und des Filmpioniers Sergej Eisenstein handeln, deren Ziel die Aufführung und Verfilmung des Stücks «Ich will ein Kind haben» war. Die...
Ein dicker, eiserner Haken in einer uralten Holzwand. Eine Handbreit daneben, gerahmt, ein altersfleckiger Stich: Trotzkopf Napoleon mit verschränkten Armen. Oder: Blick in einen alten Kleiderschrank, Biedermeier vermutlich, sorgsam ausgekleidet mit schwarz-weißem Schrankpapier. An den Innenseiten der Türen hängen, farblich sortiert, prächtige Seiden-Kravatten, auf...
Figuren:
Clara, die Verlorene
Harald, ihr Ex-Mann
Svenja, seine Frau
Florentin, Claras und Haralds Sohn, 13 Jahre alt
Mutter, Claras Mutter
Vater, Claras Vater
Tante, Claras Tante, Schwester ihrer Mutter
Kevin, ein junger Mann
Der alte Wolf, ein älterer Mann
Die Frau mit dem krummen Rücken, Angestellte an der Tankstelle und dort auch Kneipenwirtin
Der Mann mit der...
