Über den Tod hinaus

Ayad Akhtar «Der Fall McNeal», Shakespeare «Was ihr wollt» am Schauspielhaus Düsseldorf

Theater heute - Logo

Noch sind die notorischen Welterklärer:innen uneins, ob Künstliche Intelligenz das Ende der Menschheit bedeutet, oder doch nur, dass wir die öden Jobs machen, während Algorithmen das Dichten und Denken übernehmen. Im Drama «Der Fall McNeal» von Ayad Akhtar, das am Schauspiel Düsseldorf seine deutsche Erstaufführung feiert, gelingt Letzteres erschütternd gut: so gut, dass ein alter, rassistischer, misogyner Autor den Nobelpreis erhält – für die fulminante Einfühlung in seine weibliche Hauptfigur.

Der naheliegende Clou ist, dass Jacob McNeal (Thiemo Schwarz) den Erfolgsroman «Evie» nicht selbst geschrieben hat. Er hat, nach dem Suizid seiner Ehefrau, ein Large-Language-Model mit deren Tagebüchern und ihrem unveröffentlichten Prosawerk gefüttert. Die KI spuckte dann beachtliche Teile des gerühmten Romans aus.

Von solchen offensichtlichen Betrugsmöglichkeiten abgesehen, liefern Akhtars Stück und die Inszenierung von Philipp Rosendahl vor allem eine bestechende, aber simple Einschätzung zu KI: Wie andere technische Innovationen auch, wird sie die Machtverhältnisse, repräsentiert durch den alten weißen Mann, nicht sprengen sondern perpetuieren – noch über den Tod des Autors hinaus. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2025
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Cornelia Fiedler

Weitere Beiträge
Extremer Normalfall

Machtkartelle kuscheln ja gerne auf dem Golfplatz. Aber was, wenn der Quell wechselseitiger Zuneigung versiegt, wenn die Dividendenlieferanten aus der Öl-, Atom- und Autoindustrie in ihren aufgeblähten Breitcordanzügen zusammensacken und die Folgen der Green Economy bejammern? Dann ist Herr Käsch not amused. Renditebremser ernten vom Großmeister des Kapitals eine...

Bitte weiterfahren

Die gute alte Moderne hält uns immer noch auf Trab. Aber es sieht gerade nicht gut aus für sie, d.h. für uns. Klimawandel, wachsende soziale Ungleichheit, Kulturkämpfe, zunehmende Migrationsbewegungen, Rechtspopulismus, politische Polarisierungsunternehmer, liberale Demokratien unter Druck, globale Spannungen, neue Kriege in der Ukraine und in Israel – alles...

Traumort sechste Liga

Viele Theatermenschen haben ein großes Herz für Fußball. David Bösch ist offenbar einer davon. Zur Eröffnung seiner zweiten Spielzeit als Linzer Schauspieldirektor hat der Regisseur die Stückentwicklung «Das Derby» angesetzt, «ein Stück Fußball in zwei Halbzeiten» (Untertitel). In der «Blackbox» (das ist eigentlich die Studiobühne des Musiktheaters) sind im Foyer...