Theaterbuch:Die erste Pause
Ertappt. Nach über 200 Seiten, die sich angenehm lesen, weil die Autor*innen so oft recht haben, so menschenfreundlich sind und so reflektiert, platziert der Dramatiker Jörg Albrecht einen kleinen fiesen Treffer direkt in die Magengrube. Genauer: dorthin, wo das schlechte Gewissen wohnt.
In seinem Beitrag, der den Band «Lernen aus dem Lockdown? Nachdenken über Freies Theater» abschließt, heißt es unvermittelt: «Und hatten wir nicht / heimlich, still, leise und am tiefsten Grund / unserer kleinen neoliberalen Herzen, DARAUF gewartet (…) Hatten wir nicht auf einen Breakdown gewartet, ihn herbeigesehnt», und weiter: «Wir sehnten uns nach dem was dann auch kam, nach Abstand.»
Albrecht benennt diesen Moment des guilty pleasure, den fast jeder*r im Frühjahr 2020 erlebt haben muss. Und er zwingt die Leser*innen an diesen Punkt zurück, als kurzzeitig ein Ende im Raum stand, ein Ende des Funktionierens, des Kontakteknüpfens, des Aufgeschlossenseins, des Sichtotarbeitens. Albrecht entwickelt von dort aus eine traumwandlerische Antiheldenreise, vom süßen Nichtstun über «Fördermittelerde» hin zur Frage, warum Kunst immer nur im Traum Perfektion erreicht, und zurück zu einem zarten Lob der ...
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Theater heute April 2021
Rubrik: Magazin, Seite 59
von Cornelia Fiedler
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