Mord im Burgfrieden
Ob wir uns in einem neuen Biedermeier befinden, sei einmal dahingestellt. Immerhin sprechen Soziologen und Psychologen davon, dass der Rückzug in die eigenen vier Wände, zu dem gerade viele Menschen aus Angst vor Ansteckung mit dem Virus und überhaupt aus Furcht vor dem Nächsten als potenziellem Gefahrenträger neigen, an die Mitte des 19. Jahrhunderts erinnert: Der arme Poet von Spitzweg liegt da wie in Quarantäne, und die Familien im trauten Heim zwischen Spitzendeckchen und Butzenscheiben igeln sich ein wie im Lockdown.
Wenn der Dramatiker Philipp Löhle ankündigt, sein neues Stück «Isola», das jetzt als Theaterfilm des Nürnberger Staatsschauspiels seine Uraufführung digital erlebte, spiele zur Zeit des Biedermeier, dann ist man darauf gefasst, dass die vergangene bleierne Zeit uns Heutigen zeigen soll, es sei alles schon mal dagewesen. Tatsächlich erscheint im ersten Bild auch ein Insektenforscher (natürlich Ambrosius mit Namen), der über Verpuppung, also: Isolation sinniert und mit künstlich angestaubter Sprache an den alten Linné erinnert. Und das Interieur, in dem sich dann eine Gesellschaft (paritätisch besetzt mit Politiker, Esoterikerin, Wissenschaftlerin und gemeinem ...
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Theater heute April 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 54
von Bernd Noack
«Alles verwandelt sich, nichts geht zugrunde», lautet eine Einsicht, die Publius Ovidius Nasos «Metamorphosen» zugrunde liegt. Ovid schrieb sein Versepos vom mythischen Weltenlauf vom Jahr 1 unserer Zeitrechung bis zu seiner Verbannung aus Rom sieben Jahre später durch Kaiser Augustus; 17 n. Chr. starb er im Exil am Schwarzen Meer. Da war das Imperium Romanum noch...
Noch länger Lockdown und kein Ende! Es heißt also weiter nach Umund Auswegen zu suchen und der zwangsläufig medialen Vermittlung ein möglichst unverwechselbares – vielleicht sogar auf neue Weise unmittelbares? – Theatererlebnis abzutrotzen. Die Kammerspiele und das Kollektiv RAUM + ZEIT um Regisseur Bernhard Mikeska und Autor Lothar Kittstein, sonst ausgewiesene...
Reading and writing allows the possibility of having a very different world.
Angela Davis im Gespräch mit Toni Morrison über das Verbot bestimmter Bücher in Gefängnissen, etwa jener von Toni Morrison
1 Phantasmen der Anderen
Es ist erfreulich zu sehen, wie viele Namen, die nicht autochton deutsch oder weiß scheinen, Einzug in die deutschsprachige Literaturwelt...
