Mord im Burgfrieden
Ob wir uns in einem neuen Biedermeier befinden, sei einmal dahingestellt. Immerhin sprechen Soziologen und Psychologen davon, dass der Rückzug in die eigenen vier Wände, zu dem gerade viele Menschen aus Angst vor Ansteckung mit dem Virus und überhaupt aus Furcht vor dem Nächsten als potenziellem Gefahrenträger neigen, an die Mitte des 19. Jahrhunderts erinnert: Der arme Poet von Spitzweg liegt da wie in Quarantäne, und die Familien im trauten Heim zwischen Spitzendeckchen und Butzenscheiben igeln sich ein wie im Lockdown.
Wenn der Dramatiker Philipp Löhle ankündigt, sein neues Stück «Isola», das jetzt als Theaterfilm des Nürnberger Staatsschauspiels seine Uraufführung digital erlebte, spiele zur Zeit des Biedermeier, dann ist man darauf gefasst, dass die vergangene bleierne Zeit uns Heutigen zeigen soll, es sei alles schon mal dagewesen. Tatsächlich erscheint im ersten Bild auch ein Insektenforscher (natürlich Ambrosius mit Namen), der über Verpuppung, also: Isolation sinniert und mit künstlich angestaubter Sprache an den alten Linné erinnert. Und das Interieur, in dem sich dann eine Gesellschaft (paritätisch besetzt mit Politiker, Esoterikerin, Wissenschaftlerin und gemeinem ...
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Theater heute April 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 54
von Bernd Noack
Knetfiguren und Computeranimationen, Geisterblaskapellen auf Hauswänden, Zeichentrick und Papierfiguren und überhaupt Puppen, Puppen, Puppen …: Das diesjährige Brechtfestival #digitalbrecht hat aus der Not viele Künste und aus dem Mangel an Begegnungsmöglichkeiten eine Fülle von filmischen Formaten gemacht. Als sich im letzten November abzeichnete, dass mit der...
Das «andere» DDR-Theater – auf den Weg gebracht von Heiner Müller – hatte noch eine starke Kraft im Westen: Das war der Junge aus Sangerhausen, Einar Schleef, dem man 1975 am Berliner Ensemble seine und B.K Tragelehns «Fräulein Julie» verboten hatte. Seit zehn Jahren war er in West-Berlin. Sie waren zum Teil ausgefüllt mit der Niederschrift von «Gertrud» und...
Anfang Februar diesen Jahres reichte der Intendant des Nationaltheaters Athen, Dimitris Lignadis, beim Kultusministerium seinen Rücktritt ein mit der Begründung, er selbst habe nichts Falsches getan, er wolle mit diesem Schritt nur weiteren Schaden vom Nationaltheater abwenden. Zwei Wochen später wurde Dimitris Lignadis verhaftet und in Handschellen abgeführt....
