Tankstelle und Therapie
Gerade fuhr der elfjährige Renat noch mit dem Skateboard auf der Bühne herum. Nun hält ihn eine fremde Frau an der Hand und erzählt vorne am Bühnenrand, dass sein Onkel vor wenigen Tagen im Ukraine-Krieg gefallen ist. Dass seine Mutter Marta gerade nach Irpin zurückgefahren ist, um ihn zu beerdigen. Nein, nein, das können wir so nicht machen, ruft die musikalische Leiterin Mariana Sadowska aus dem Zuschauersaal. Pause. Krisensitzung bei den Proben der «Odyssee nach Homer» von Pavlo Arie in Düsseldorf.
Der Regisseur Stas Zhyrkow, die Dramaturgin und Ko-Leiterin der Bürgerbühne Birgit Lengers und Mariana Sadowska stecken die Köpfe zusammen. Ist das bereits Emotionsporno, das Kind Renat ein Köder der Empathie? Wie damit umgehen, dass die Ukrainerin Marta Bezpaliuk aus Irpin vor zwei Tagen tatsächlich ihren Bruder im Krieg verloren hat? Sie erfuhr es bei den Proben per SMS. Der krasse Einbruch einer Realität, die gerade mit Kunst verarbeitet werden soll. Kann, will sie jetzt überhaupt noch an der «Odyssee» teilnehmen? Wie künstlerisch umgehen mit ihrem Verlust, ohne ihn sich falsch anzueignen? Wie überhaupt trösten? Das Ensemble versucht, Geld zu sammeln und sich um Renat zu kümmern. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 4 2023
Rubrik: Report, Seite 44
von Dorothea Marcus
Ein Bett ist ein privater Ort. Ein intimer Ort, ein Ort der Entspannung, auch ein Ort der Verletzbarkeit. Wenn zu Beginn des Theaterabends ein Paar im Bett schläft, dann ist das ein Hinweis: Das wird nicht gut ausgehen.
Lina Oanh Nguyen hat für Marie Schleefs Inszenierung von Liz Ziemskas in Deutschland wenig bekannter Fantasy-Erzählung «The Mush -room Queen» ein...
Die Komödien von Yasmina Reza sind allseits beliebt, es gibt allerdings nur relativ wenige davon. Also sicherte das Burgtheater sich die Bühnenrechte für den jüngsten Roman der französischen Boulevardvirtuosin. «Serge», 200 Seiten kurz, schildert eine krisenhafte Episode im Leben einer jüdischen Pariser Familie, deren Kern die drei Geschwister Serge, Jean und Nana...
Es ist ein Märchenwinter unter den Schweizer Jungdramatiker:innen. Schon wieder «Hänsel und Gretel»: Nach Kim de l’Horizons ökoqueerem Update in Bern, in dem Gretel sich als Klima-Greta outete, nimmt sich jetzt Alexander Stutz in St. Gallen den kannibalistischen Stoff vor, und seine Grethel, merkwürdigerweise mit h geschrieben, ist so ziemlich das Gegenteil der...
