Tankstelle und Therapie
Gerade fuhr der elfjährige Renat noch mit dem Skateboard auf der Bühne herum. Nun hält ihn eine fremde Frau an der Hand und erzählt vorne am Bühnenrand, dass sein Onkel vor wenigen Tagen im Ukraine-Krieg gefallen ist. Dass seine Mutter Marta gerade nach Irpin zurückgefahren ist, um ihn zu beerdigen. Nein, nein, das können wir so nicht machen, ruft die musikalische Leiterin Mariana Sadowska aus dem Zuschauersaal. Pause. Krisensitzung bei den Proben der «Odyssee nach Homer» von Pavlo Arie in Düsseldorf.
Der Regisseur Stas Zhyrkow, die Dramaturgin und Ko-Leiterin der Bürgerbühne Birgit Lengers und Mariana Sadowska stecken die Köpfe zusammen. Ist das bereits Emotionsporno, das Kind Renat ein Köder der Empathie? Wie damit umgehen, dass die Ukrainerin Marta Bezpaliuk aus Irpin vor zwei Tagen tatsächlich ihren Bruder im Krieg verloren hat? Sie erfuhr es bei den Proben per SMS. Der krasse Einbruch einer Realität, die gerade mit Kunst verarbeitet werden soll. Kann, will sie jetzt überhaupt noch an der «Odyssee» teilnehmen? Wie künstlerisch umgehen mit ihrem Verlust, ohne ihn sich falsch anzueignen? Wie überhaupt trösten? Das Ensemble versucht, Geld zu sammeln und sich um Renat zu kümmern. ...
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Theater heute 4 2023
Rubrik: Report, Seite 44
von Dorothea Marcus
Jetzt ist sie amtlich, die Horror-Saison 2020/21. Der Deutsche Bühnenverein hat seine Statistik vorgelegt – mit der üblichen Zeitverzögerung, die offenbar nötig ist, um alle Zahlen der Theater zusammenzutragen. Nach dem ersten Pandemiestart und einem dreimonatigen Lockdown ab März 2020 war man einigermaßen hoffnungsvoll in die neue Spielzeit gestartet, nur um im...
Das sieht alles sehr grau aus: Die Gegenstände, die akkurat geordnet an der Wand kleben – alle grau übermalt. Die Lampen, die Teddies, die Tassen, die Teller, die Telefone. Auch die drei Frauen: graue Haare, graue Kleider. Eine (Elmira Bahrami) leiert zunächst ihre Sätze, das betont das graue Einerlei noch. Eine andere (besonders überzeugend: Vera Flück) begleitet...
Er ist quasi der Täter der Herzen in der an Femiziden nicht armen Dramengeschichte: Georg Büchners Woyzeck. Wir lernen ihn als Opfer der (Klassen-)Gesellschaft kennen und, wenn auch widerwillig, verstehen. Er ist und bleibt in den meisten Inszenierungen die Identifikationsfigur. Seine Verlobte Marie, die er ermordet, bekommt gerade mal etwas Mitleid. Woyzeck – und...
