Tage der Einheit

1990 entschied sich Michael Eberth, dem neuen Intendanten Thomas Langhoff als Chefdramaturg nach Berlin ans Deutsche Theater zu folgen. Er wird trotz zahlreicher Krisen sechs Jahre lang bleiben. Auszüge aus «Einheit. Berliner Theatertagebücher ’91–’96»: ein Vorabdruck

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Oberhofen am Irrsee, 20. Juli 90
In einem Gespräch für «Theater heute», das Thomas mir in der Abschrift zu lesen gab, bedauert er die wenig heroische Rolle, die er in der DDR gespielt hat, und präsentiert sich als einer, der mit der Macht nicht paktiert, aber auch nicht gegen sie aufbegehrt hat. Der Papa war an der Gründung des «besseren» deutschen Staates beteiligt. Die Generation der anti­faschistischen Väter hat für ihre Überzeugungen die gewaltigsten Opfer in Kauf genommen. Deren heiliges Projekt konnte der Sohn nicht verraten.

Um der Frage auszuweichen, ob man die einstigen Opfer dafür belan­gen müsste, dass sie beim Verteidigen des besseren Staates zu Tätern mutiert sind, und ob uns das nicht etwas höchst Verstörendes über die Spezies erzählt, hat sich Thomas den Dramen der Vergangenheit zugewandt: Hauptmann, Ibsen, Tschechow, Turgenjew. Jetzt spricht er vom Deutschen Theater als künftigem Nationaltheater. Was er sagt, klingt überzeugend. Wo aber nimmt er auf einmal den Anspruch her? Wo hatte er ihn vergraben?
Botho Strauß ruft in einem Aufsatz mit dem Titel «Bemerkungen zu einer Ästhetik der Anwesenheit» zum Aufstand gegen die sekundäre Welt auf und fordert eine neue Demut ...

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Theater heute Oktober 2015
Rubrik: Zeitgeschichte, Seite 50
von Michael Eberth

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