Sunan Gu: Maus, Geld, Gespenst
Figuren
Lin, 24
Ming, 36, Lins Bruder
Sarah, 27
Mr. Mouse, 52
Feng, 27
Ein paar Mäuse
Sarah und Feng sind in Berlin, alle anderen in Beijing. Die Mäuse können von allen im Ensemble gespielt werden.
SZENE 1 Jemand aus der Stadt
Mr. Mouse Ich gehe frühmorgens gerne laufen, in der Nähe meiner Wohnung, es ist eine saubere, ruhige Gegend. Am liebsten laufe ich um den künstlichen See herum.
Ein paar Enten ziehen dort ihre Kreise, werden plötzlich aufgescheucht von meinen Schritten. Sie machen ein komisches Geräusch.
Ich frage mich, wo ich bin.
Ich bin in Paris. I
ch bin in Berlin.
Ich bin in Beijing.
In einer Metropole.
Die Party kann beginnen.
Ming Die Welt geht unter. Verstehst du? Ich bin gerade zurück zu Hause in Sanlitun, von meinem Vorstellungsgespräch. Das Vorstellungsgespräch war auf Englisch. Ein weißer Ausländer hat den Job bekommen. Er kann nicht mal «Gehalt» auf Chinesisch sagen. Ich habe diesen Monat hundert Online-Bewerbungen verschickt, bin aber nur zu drei Vor -stellungsgesprächen eingeladen worden. Kannst du dir das vorstellen? Ich spreche fünf Sprachen: Chinesisch, Englisch, Französisch, Deutsch und Kantonesisch. Ich habe einen Master in Politischer Philosophie.
Lin Ich ...
SUNAN GU, geboren 1995 in Beijing, ist Autorin und Theatermacherin. Sie studierte Drama and Theatre Arts am Goldsmiths, University of London, Theaterpädagogik (M.A.) sowie Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. «Nine Stages of Decay» stand auf der Shortlist für den Nachwuchswettbewerb 2025 am Theater Drachengasse Wien. «Leiben», ein Stück über chinesische Einwander:innen in Deutschland und den Kampf gegen Rassismus, wurde 2024 zum Kaltlesungsfestival am Theater unterm Dach Berlin eingeladen. Für ihr Stück «Maus, Geld, Gespenst», uraufgeführt am Schauspiel Essen in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen, erhielt sie den ersten «Volksbühnenpreis für Theaterliteratur» für Nachwuchsautor:innen 2025. In der Spielzeit 2025/26 ist sie Hausautorin am Theater Münster.
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Theater heute August-September 2026
Rubrik: Stückabdruck, Seite 76
von Sunan Gu
Alle drei Jahre ruft Theater der Welt, diesmal in die sächsische Provinz nach Chemnitz. Ein Report über ein ungewöhnlich kuratiertes Festival
Warum hat sich eigentlich in Zeiten der Klimakrise noch niemand mit den Auswüchsen des Tourismus beschäftigt? Rebekka Kricheldorfs «Welcome to Schöny – Please get the fuck out!» hält dagegen. Der Stückabdruck
Die Redaktion...
Gefühle dürfen sein, sind ohnehin da und lassen sich nur in begrenztem Maß beeinflussen. Lüste und Ängste sind die treibenden und hemmenden Kräfte des Lebens, die für Bewegung sorgen, dafür, dass was passiert. Was aber, wenn ein Wunsch auf ein Verbrechen abzielt? Wenn die Erfüllung des eigenen Begehrens die Zerstörung eines anderen bedeutet? Ist die Kunst, sind...
Am Ende herrscht Chaos auf der Bühne: äußeres Bild als Ergebnis innerer Vorgänge. Ist ja ein alter Theatertrick: in Ordnung beginnen, zum Beispiel auf einer leeren, schwarz ausgekleideten Bühne. Dann Stück für Stück selbige verdrecken mit Erde, Schlamm, Lametta und Rotweinblut. Der Scheinwerferhimmel senkte sich Stück für Stück ab und engt nun ein. Gießkannen,...
