Parasiten der Gegenwart
Draußen sengt die Sonne, drinnen sengt die Sonne. Drinnen allerdings fiktiv. Abgeschirmt von der massiven Junihitze und der nicht minder massiven Karlsruher Theaterbaustelle kann das Uraufführungspublikum nachempfinden, was es heißt, in einer gipsstaubtrockenen Senke im abgehängten Osten Deutschlands allmählich auszudörren – äußerlich wie innerlich.
Wir sind im thüringischen Dorf «Debritz», Schauplatz und Titel von Kaleb Erdmanns Stück. Peggy hat hier ein paar Schweine plus Rübenfelder geerbt.
Die Eltern wurden durch ein Schlagloch aus der Post-Wende-Steilkurve geschleudert. Das wäre schon eine andere Geschichte, hätte Peggy nach dem tödlichen Unfall nicht den traumatischen Ehrgeiz kultiviert, Hof und Scholle, welche die Familie gutgläubig von der Treuhand erstand, weiter zu beackern. Heute schleppt sie Evianwasser kistenweise von hier nach da und zurück. Außer der Dürre gibt es in Debritz nämlich weitere Probleme. Das eine heißt Maik, futtert Salznüsschen ohne Ende, wäre trotzdem ganz süß, nur hält er sich aus allem raus, vor allem aus der Arbeit. Maik ist, so wie ihn Jannik Süselbeck in Karlsruhe sympathisch auf die Bühne bummelt, der Typ Flipflop. Peggy hingegen ganz Typ ...
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Theater heute August-September 2026
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Stephan Reuter
Drei Leben: Rebecca (Linn Reusse) wurde von ihrem Partner verlassen, leidet, quält ihren Körper und zerstört die Wohnungseinrichtung (sowie den teuren Flachbild-Fernseher ihres Ex). Ihre Nachbarin Anna (Christiane von Poelnitz) kommt mit ihrer Angst vor der Außenwelt nicht klar und flüchtet sich in eine Hikikomori-Existenz. Und Sam (Heinrich Horwitz) befindet sich...
Am Ende herrscht Chaos auf der Bühne: äußeres Bild als Ergebnis innerer Vorgänge. Ist ja ein alter Theatertrick: in Ordnung beginnen, zum Beispiel auf einer leeren, schwarz ausgekleideten Bühne. Dann Stück für Stück selbige verdrecken mit Erde, Schlamm, Lametta und Rotweinblut. Der Scheinwerferhimmel senkte sich Stück für Stück ab und engt nun ein. Gießkannen,...
Schillers «Räuber» sind ein beliebtes Angriffsziel für Inszenierungen. Was kann man da nicht alles treffen, umdrehen, zerfetzen, verulken! Die Konstruiertheit des Gegensatzpaares der Brüder Franz und Karl Moor. Die Widersprüchlichkeit des Charakters Karls zwischen Brutalität und sentimentalem Heimweh. Die Eindimensionalität des Charakters der «Canaille» Franz, als...
