Sprünge durch Zeit und Raum

Die Mülheimer Stücke zeichnen das Panorama einer an vielen Stellen zerbrechlichen Gesellschaft

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Zweimal schon musste die Jury erklären, warum sich keine spontane Flut von Corona-Dramatik über die deutschsprachige Theaterlandschaft ergossen hat. Jetzt, zur dritten Ausgabe der Mülheimer Theatertage seit Pandemie-Beginn, gibt es jedoch ein Stück mit dem sperrigen Titel «Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!»: Elfriede Jelinek, die seit Jahrzehnten an den Verwerfungen der Gegenwart entlang ihre Texte schreibt, hat schon im ersten Corona-Jahr geliefert; im Juni 2021 inszenierte Karin Beier am Hamburger Schauspielhaus die bild- und sprechgewaltige Uraufführung.

Und natürlich geht es auch, aber nicht nur um das zermürbende Diskursgekläffe rund um Maske, Impfung, Inzidenzen, sondern vor allem um die größeren systematischen Zusammenhänge, die die Nobelpreisträgerin in vielen ihrer Stücke herstellt. 

«Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!» spielt in einer Ischgler Après-Skihütte mit reichlich Booze und Balz, an einem realen Superspreader-Hotspot also. Von hier aus zieht Jelinek in vertrauter Manier ihre ideolo -gischen und ideologiekritischen Linien: einmal in Richtung Massentierhaltung und profitorientierten Ressourcenverbrauch, zu kapitalistischen Märkten also, die Mensch und Tier näher ...

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Theater heute Mai 2022
Rubrik: Mülheim Stücke, Seite 36
von Eva Behrendt

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