Spielen wie flüssiges Glas
Als Kriemhild trägt Lea Ruckpaul Schlafanzug. Und ist da vielleicht schon lange nicht rausgekommen im Lockdown der Leichenruhe. Verstört und still steht sie da, die Hände tastend nach vorne gestreckt, vom Alptraum aufgeschreckt. Blutig und immerzu sitzt der tote Siegfried am Tisch, Trophäe und Mahnmal des vergangenen Massakers. Oder steht es noch bevor? «Die guten Mittel sind erschöpft. So gilt es denn Gewalt», sagt Lea Ruckpaul resigniert und kehrt in ihr Bett zurück.
Gurrendes Vogelzwitschern, schwüler Dschungel lockt im Traum, der tote Siegfried wispert ihren Namen, bis der Morgen wieder neongrell graut.
Nahezu vollständig schweigend vollzieht sie im ersten Teil von Stephan Kimmigs letzter Hauptprobe zu «Nibelungen. Kriemhilds Rache» die täglichen Routinen einer einsamen Frau im Gefängnis ihrer Einraumwohnung, zackig, traurig, wütend, verstört, kämpfend, geschlagene 25 Minuten lang. Putzt sich die Zähne so gewaltvoll, dass es wehtut, wählt eine Nummer, um den Telefonhörer fallen zu lassen. Gesten des Selbstekels, der Sinnleere. Einmal schallt Mozarts Requiem aus dem Schrank, sie zieht sich ein glitzerndes Kleid an, ferne Reminiszenz an Kriemhilds Prinzessinnensehnsucht, um sich ...
Lea Ruckpaul, Jahrgang 1987, studierte von 2009 bis 2012 an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater «Felix Mendelssohn Bartholdy» Schauspiel. Ab 2011 war sie Mitglied des Staatsschauspiels Dresden, ab 2016 des Stuttgarter Schauspielhauses. Zur Spielzeit 2018/19 wechselte sie ins Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses.
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Theater heute April 2021
Rubrik: Akteure, Seite 4
von Dorothea Marcus
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