Sintflut des Datensammelns
Stalin soll derart panische Angst vor einem Attentat gehabt haben, dass seine Leibwächter wiederum panische Angst hatten, ohne ausdrücklichen Befehl das Schlafzimmer des «Stählernen» zu betreten. Als er eines Morgens infolge eines Schlaganfalls zusammenbrach, lag er wohl stundenlang vor seinem Bett, bis endlich jemand wagte, die Tür zu öffnen. Da war es allerdings zu spät und der Diktator das prominenteste Opfer seiner Schreckensherrschaft. An diese Erzählung kann man in diesen Tagen denken, wenn es um die Ukraine und den aktuellen russischen Gewaltherrscher geht.
Man denkt aber auch daran, wenn in Pat To Yans Libretto «The Damned and The Saved» plötzlich Sätze fallen wie: «Hört / Mein König / ... / Ich dachte, Euch würde es ewig geben / Aber jetzt habt ihr keine Macht mehr, wie ich geglaubt habe.»
Der das sagt, ist ein Datensammler und der engste Mitarbeiter eines diktatorischen Königs, der in diesem Fall kein Mensch ist, sondern eine monströse Maschine. Der Data Collector füttert die Maschine mit allem, was im Herrschaftsbereich des stählernen Fürsten vorkommt, und es kann nicht ausbleiben, dass man den metaphorisch aufgeladenen und allegorisch unterfütterte Text des Hongkonger ...
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Theater heute 10 2022
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Jürgen Berger
Das Theater, wie Olivier Py es sieht, ist ein Harlekin. Ewig jung, kokett, unzuverlässig, im buntgescheckten Kleid. Seine große Liebe – es ist schwierig – der erzählende Autor. Es gibt daneben noch weitere On-Off-Beziehungen, zur Poesie, zur Macht, zur katholischen Kirche (wir sind in Frankreich), zur Revolution. Seine Mutter ist die tragische Diva, sein...
Gott schuf den Menschen aus einem Erdenkloß, berichtet die Bibel, und auch der Mensch hat danach nicht aufgehört, Ebenbilder zu schaffen, um sich seiner Geschichte zu versichern, meist in Form von Statuen oder Denkmälern. Der theatrale Parcours «Mount Average» von Julian Hetzel versteht diese Vorgänge als Zyklus von Schaffen und Vergehen und entwirft eine ebenso...
Am 20. August 1991 wartete ich in einer Stadt in den Abruzzen auf Kurt Hübner. Er war in einen Kiosk gegangen, und ich sehe ihn noch heute, wie er zurückkam, mir die deutsche Zeitung hinhielt und die Hände über dem Kopf zusammenschlug: «Putsch in der Sowjetunion – Ausnahmezustand – Präsident Gorbatschow unter Hausarrest.»
Mit Hübner sollte ich an diesem Tag ein...
