Der konservative Harlekin

Zum Abschied seiner neunjährigen Amtszeit als Leiter des Festivals von Avignon inszeniert Olivier Py «Ma Jeunesse exaltée» – und bekennt sich noch einmal zu Text und Deklamation

Theater heute - Logo

Das Theater, wie Olivier Py es sieht, ist ein Harlekin. Ewig jung, kokett, unzuverlässig, im buntgescheckten Kleid. Seine große Liebe – es ist schwierig – der erzählende Autor. Es gibt daneben noch weitere On-Off-Beziehungen, zur Poesie, zur Macht, zur katholischen Kirche (wir sind in Frankreich), zur Revolution. Seine Mutter ist die tragische Diva, sein Adoptivvater der Staat. So stellt sich die Familie in «Ma Jeunesse exaltée» (Meine überhöhte Jugend) auf: in einer queeren Allegorie, die wie das ausschweifende Resümee von Pys bisherigem Œuvre an -mutet.

Er beschließt damit seine Amtszeit als Leiter des Festivals von Avignon. Zehneinhalb Stunden dauert «Ma Jeunesse exaltée», von Anfang Nachmittag bis über Mitternacht hinaus, und erzählt vier Episoden aus dem Leben und Nachleben dieses Pariser Harlekins, der das Establishment mit komödiantischer Chuzpe reinlegt. 

Es sind schöne Stunden, das Publikum bleibt auf den Sitzen und applaudiert am Ende stehend. Die vielstündigen Theaterströme, in die man so richtig eintauchen kann, manchmal bis zum Morgengrauen und darüber hinaus, gehören zu Avignon. Man kommt um sieben oder acht Uhr morgens aus dem Theater und begegnet einer absurden ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 10 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Andreas Klaeui

Weitere Beiträge
Der andere Blick

Eines der größeren Missverständnisse seiner Bücher hat Hans-Thies Lehmann selbst nicht aus der Welt schaffen können. Trotz seiner wiederholten Bekräftigung ging es im «Postdramatischen Theater» (1999) nicht um eine neue Dramentheorie, es ging auch nicht um die Ab -schaffung des Dramas, sondern es ging ihm um eine weiter greifende Theaterästhetik; er hatte auch...

Sintflut des Datensammelns

Stalin soll derart panische Angst vor einem Attentat gehabt haben, dass seine Leibwächter wiederum panische Angst hatten, ohne ausdrücklichen Befehl das Schlafzimmer des «Stählernen» zu betreten. Als er eines Morgens infolge eines Schlaganfalls zusammenbrach, lag er wohl stundenlang vor seinem Bett, bis endlich jemand wagte, die Tür zu öffnen. Da war es allerdings...

Pläne der Redaktion 10/22

Ophelia hat in ihrem kurzen Leben schon viel auf dem Theater erlebt, aber Florentina Holzinger hat sie noch nie getroffen. Jetzt aber: «Ophelia’s Got Talent!» in der Berliner Volksbühne

Der Nachwuchsschauspieler des Jahres: Johannes Hegemann, ein Porträt

Es gibt viel notwendigen Diskurs im Theater, es gibt inzwischen auch Diskurs-Musicals und seit allerneuestem ein...