Sex und Ehre
Sage niemand, dass Regisseurin Rahel Hofbauer die Zuschauer:innen im Regen stehenlassen würde. Guido Gallmann schlendert auf die Bühne, guckt erstmal, dann spricht er ins Publikum: ein bisschen Figurencharakterisierung, ein bisschen Backstory, ein bisschen Aufführungsgeschichte, ein bisschen Quelleninfo. Auf dass alle verstehen, um was es in «Emilia Galotti» geht. Was nötig sein könnte: Das Stück ist in Bremen zwar Abiturstoff, die Regisseurin aber lässt nur noch Bruchstücke von Lessings Vorlage übrig, vor allem kürzt sie eine zentrale Figur. Emilia nämlich tritt nicht auf.
Dass die Hauptfigur zur reinen Projektionsfläche wird, ist eine interessante Setzung, die zudem das Problem umgeht, das das Stück heute schwer zugänglich macht: Lessing beschreibt in Emilias Schicksal einen tragischen Ehrenmord, bei dem die Ermordete das Geschehen selbst gutheißt. Bei Hofbauer aber bleibt Emilia abwesend und passiv, jemand, der in eine Geschichte hineingeschmissen wurde und keine Chance hat, selbstbestimmt zu agieren. Ein bisschen schade ist, dass sich dieser Idee praktisch alles unterzuordnen hat – das hochtalentierte Ensemble mit Nadine Geyersbach, Jan Grosfeld, Levin Hofmann und Jorid ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute November 2023
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Falk Schreiber
WWW.ARTE.TV
bis 27.12., Otfried Preußler – Ich bin Krabat
Deutschland 2023 Die Dokumentation von Thomas von Steinaecker zeigt mit Archivausschnitten und Statements u. a. von seiner Tochter Susanne Preußler-Bitsch oder dem Biografen Tilman Spreckelsen die jahrelangen Versuche des Autors, seine Erlebnisse in seinem Lebensbuch «Krabat» zu verarbeiten.
bis 30.12.,...
Das Käuzchen schreit, die Fichten leuchten düster im Mondlicht, grobe Mannschaftszelte drängen sich im Halbkreis auf der Lichtung, ein Lagerfeuer lodert vor sich hin. Bär(t)ige Männer greifen nach der Kaffeekanne, stimmen schleppend völkisches Liedgut an (Musik Tristan Brusch), lassen antisemitische Bemerkungen fallen, tragen seltsame Abzeichen am Ärmel. Vorne...
Was für ein Entree! Der erste Satz der Intendanz Kay Voges’ am Wiener Volkstheater lautete: «Was, hier, in dieser muffigen Atmosphäre?» Es ist der Satz, mit dem Thomas Bernhards Stück «Der Theatermacher» beginnt, und der Satz, mit dem einst auch Claus Peymann seine Direktion am Burgtheater angefangen hatte. Ein Insiderwitz, den in Wien alle verstanden haben; ist ja...
