Im Reichsbürger-Camp

Georg Büchner «Woyzeck» am Berliner Ensemble

Theater heute - Logo

Das Käuzchen schreit, die Fichten leuchten düster im Mondlicht, grobe Mannschaftszelte drängen sich im Halbkreis auf der Lichtung, ein Lagerfeuer lodert vor sich hin. Bär(t)ige Männer greifen nach der Kaffeekanne, stimmen schleppend völkisches Liedgut an (Musik Tristan Brusch), lassen antisemitische Bemerkungen fallen, tragen seltsame Abzeichen am Ärmel. Vorne planscht einer allein leicht melancholisch am rampennahen Bach. Später wird immer mal wieder Hubschrauberlärm drohend über den Wald flappen, dann verstecken sich alle hektisch.

Was ist das? Eine Reichsbürger-Abteilung bei der Freiluft-Übung? Eine Prepper-Gang im Camping-Urlaub?

Ganz falsch. Regisseur Ersan Mondtag hat Büchners «Woyzeck» in eine reine Männergesellschaft verwandelt, weil er sich, so das Programmheftinterview, für Schuld und Verantwortung in «komplexen Gewaltdynamiken» interessiert. Eine reine Männerwelt halte er da für vorteilhaft, um «die gesellschaftliche Gewaltdimension durch die Verweigerung einer binären Gewaltbetrachtung sichtbarer zu machen».

Allerdings geht es bei den Waldgängern im Berliner Ensemble nicht übertrieben komplex zu. Es gibt ein paar örtliche Stimmführer wie den als Fantasiejäger ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2023
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Paris und Neapel

Hauptsächlich im Boulevard gibt es das hübsche Untergenre der Hinterbühnenkomödie. Der Alltag im Theater wird hier zum Thema, mit all den kleinen Dramen zwischen Probe und Aufführung, mit Liebschaften und Verletzungen, manchmal auch mit unspektakulärer Ödnis. Und wenn die Hinterbühnenkomödie raffiniert ist, dann schafft sie es, das Geschehen hinter der Bühne mit...

Die Kehrseite der Moderne

Eines haben die schwedische Akademie und Jon Fosse auf jeden Fall gemeinsam: Sie lassen sich Zeit. Die Ehrung mit dem Literaturnobelpreis erfährt der norwegische Dramatiker und Prosa-Autor gut zwanzig Jahre nach seiner Hochkonjunktur nicht nur auf den deutschsprachigen Bühnen Ende der 1990er, Anfang der Nuller Jahre. Zwischen 2000 und 2006 verging keine Spielzeit...

Unausweichlicher Zerfall

Der Krieg findet ganz in der Nähe statt», erklärt Gintaras Grajauskas, der Künstlerische Direktor des Dramatheaters in der Hafenstadt Klaipeda. «Die baltischen Länder, die von der Sowjetunion besetzt waren, sind sich des aggressiven russischen Imperialismus sehr wohl bewusst und wissen, dass der Krieg jederzeit auf ganz Europa übergreifen kann.» Dieser fragilen...