Im Reichsbürger-Camp

Georg Büchner «Woyzeck» am Berliner Ensemble

Theater heute - Logo

Das Käuzchen schreit, die Fichten leuchten düster im Mondlicht, grobe Mannschaftszelte drängen sich im Halbkreis auf der Lichtung, ein Lagerfeuer lodert vor sich hin. Bär(t)ige Männer greifen nach der Kaffeekanne, stimmen schleppend völkisches Liedgut an (Musik Tristan Brusch), lassen antisemitische Bemerkungen fallen, tragen seltsame Abzeichen am Ärmel. Vorne planscht einer allein leicht melancholisch am rampennahen Bach. Später wird immer mal wieder Hubschrauberlärm drohend über den Wald flappen, dann verstecken sich alle hektisch.

Was ist das? Eine Reichsbürger-Abteilung bei der Freiluft-Übung? Eine Prepper-Gang im Camping-Urlaub?

Ganz falsch. Regisseur Ersan Mondtag hat Büchners «Woyzeck» in eine reine Männergesellschaft verwandelt, weil er sich, so das Programmheftinterview, für Schuld und Verantwortung in «komplexen Gewaltdynamiken» interessiert. Eine reine Männerwelt halte er da für vorteilhaft, um «die gesellschaftliche Gewaltdimension durch die Verweigerung einer binären Gewaltbetrachtung sichtbarer zu machen».

Allerdings geht es bei den Waldgängern im Berliner Ensemble nicht übertrieben komplex zu. Es gibt ein paar örtliche Stimmführer wie den als Fantasiejäger ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2023
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Im Grenzregime

Mit gleich zwei mehrsprachigen Produktionen startet das Schauspiel Köln in die letzte Spielzeit unter Stefan Bachmann auf dem Carlswerk-Gelände in Köln-Mülheim. Dabei vermittelt besonders das unvertraute Farsi in Mina Salehpours deutscher Erstaufführung von «Yazdgerds Tod» die aktuelle Situation der Frauen im Iran auf eine nahezu körperliche Weise. Im Zentrum von...

Familie, Gewalt, Zukunft

Wenn die beiden Diener mit den Wischmopps vorbeikommen und Bodenreinigung vortäuschen, wird’s hochgefährlich. Buckingham (stoisch kaugummikauend: Lukas Holzhausen) und Catesby (extralange Leitung: Cino Djavid) scheitern zwar regelmäßig fast an sich selbst, an ihrer schildkrötenhaften Restintel -ligenz und ihrem slapsticktauglichen Ungeschick, aber irgendwann...

Wo Theater stattfindet

Als am 5. Oktober Narges Mohammadi Friedensnobelpreisträgerin wurde, leuchtete die Hoffnung. Der Ruf «Jin Jiyan Azadi – Frau Leben Freiheit» war wieder in den Medien, und Menschen auf der ganzen Welt haben sich an ihn erinnert. Die Jina-Revolution war aber die ganze Zeit über nie verschwunden, nur die Bühne der Revolution und ihre Dramaturgie hatten sich geändert.

...