Sensibilität und Superkräfte
Dieser Woyzeck hat nichts zu tun mit den gepeinigten Psychopathen und abgerissenen Opfern, als die Georg Büchners prominenteste Theaterfigur oft gezeigt wird. Oh nein. Der Woyzeck von Abdul Aziz Al Khayat hat Style. Wendig wie eine Schlange, gekleidet wie frisch vom Pariser Catwalk, der auch tatsächlich mitten ins Publikum führt, ein glamouröser Outsider voller Wut und Ambitionen.
Denn Erbsen muss er in Stefan Puchers Inszenierung am Wiesbadener Staatstheater trotzdem fressen, auch der herumkommandierende Hauptmann bleibt ihm nicht erspart, und Marie, mit der er ein Kind hat, lässt sich von ihm buchstäblich nichts bieten. Vielleicht entspricht Woyzecks Attitude noch eher seiner Fantasie als der Realität?
In der Titelrolle des Unterrichtsklassikers, den Stefan Pucher zu Beginn der Intendanz von Dorothea Hartmann und Beate Heine neu erzählt hat, fällt der junge Protagonist mit einer ungewöhnlich musikalischen Energie und messerscharfer Artikulation auf. Zum Showdown liefert er sich mit seiner nicht minder temperamentvollen Kollegin Tabea Buser einen von beiden selbstgetexteten Battle-Rap, in dem sie ihm Sexismus, er ihr Rassismus vorwirft: «Ich werd erst dich und dann mich ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August-September 2026
Rubrik: Porträt, Seite 48
von Eva Behrendt
Draußen sengt die Sonne, drinnen sengt die Sonne. Drinnen allerdings fiktiv. Abgeschirmt von der massiven Junihitze und der nicht minder massiven Karlsruher Theaterbaustelle kann das Uraufführungspublikum nachempfinden, was es heißt, in einer gipsstaubtrockenen Senke im abgehängten Osten Deutschlands allmählich auszudörren – äußerlich wie innerlich.
Wir sind im...
Warum sollten wir noch einmal im Müll der Vergangenheit wühlen?! Was hat die Majestät eines verlorenen kleinen Königreichs Euch noch zu erzählen?», fragt die Schauspielerin Varja Dukic beim Prolog das Publikum. Der gesamte Cast der Inszenierung hat sich an der Rampe versammelt. «Sollen wir uns eingestehen, dass die Geschichte uns nichts gelehrt hat?»
Im Februar...
Drei Leben: Rebecca (Linn Reusse) wurde von ihrem Partner verlassen, leidet, quält ihren Körper und zerstört die Wohnungseinrichtung (sowie den teuren Flachbild-Fernseher ihres Ex). Ihre Nachbarin Anna (Christiane von Poelnitz) kommt mit ihrer Angst vor der Außenwelt nicht klar und flüchtet sich in eine Hikikomori-Existenz. Und Sam (Heinrich Horwitz) befindet sich...
