Ist halt Sommer
Erinnern Sie sich an das heiße Wochenende Ende Juni, mit Temperaturen über 40 Grad? Ich mich schon, denn mein Besuch des Theaterstücks «Nastia» im TD Berlin glich einer betreuten Saunasitzung. Mit jedem Treppenhausabsatz im ehemaligen Fernmeldeamt in Berlin Mitte wurde es wärmer; im 2. OG fächelten sich wartende Zuschauer:innen mit Programmzetteln Luft zu. Ein freundlicher Mensch vom Abenddienst erklärte, dass es leider im Theatersaal mit zwar innen verhängter, aber doch breiter Fensterfront nach Süden sehr warm sei, man habe deshalb ein paar Ventilatoren aufgestellt.
Tatsächlich blies sogar eine der sonst überall ausverkauften mobilen Klimaanlagen heiße Abluft nach draußen. Aber wie man in dieser Hitzewelle bereits gelernt hatte, schaffen diese Geräte selbst bei deutlich kleineren Räumen maximal vier Grad Differenz.
So schmorte das Publikum 90 Minuten schwitzend, fächelnd und wassertrinkend, während das tapfere Schauspielduo Tanya Kargaeva und Ali Berber in Hoodie, Jackett und Scheinwerferlicht die schwierige Liebe zwischen einer jungen Ukrainerin und einem deutschen Studenten verkörperte. Bis Kargaeva in einem plötzlichen Durchbruch der vierten Wand nicht nur dem Publikum eindringliche Fragen stellte, sondern auch die schwarz verhüllten Fenster aufriss. Die hereinströmenden 31 Grad Abendluft fühlten sich an wie ein norwegischer Fjord. «Ist halt Sommer», grummelte die ältere Dame, die ich auf dem Weg zur U-Bahn auf die gemeinsame Schwitzkur ansprach: «Mich hat nur das Gefächel der Zuschauerinnen genervt!» Der Aufgussverwirbelungseffekt?
Qualmende Manschetten
Immer längere und heißere Hitzewellen verändern auch den Theatersommer, der dieses Jahr schon Ende Mai begann. Anders als Supermärkte, Malls und kommerzielle Kinos sind hierzulande Wohnungen und öffentliche Gebäude bislang nur selten mit Klimaanlagen ausgerüstet. War ja auch lange nicht nötig. Vor allem in historischen Theatern gibt es oft nur modernisierte Lüftungsanlagen, die zwar für Frischluft, aber nicht unbedingt für Abkühlung sorgen; Spielstätten der Freien Szene wie der TD Berlin können sich den energieintensiven Umbau erst recht nicht leisten. Darüber, wie sehr die Zuschauerzahlen an Hitzetagen einbrechen, wird offiziell noch keine Statistik geführt, und zum Glück sind in den heißesten Wochen ja auch meist Theaterferien. Aber ganz sicher hätten Bühnen mit Klimaanlagen ein ganz neues Potenzial als städtische Wohlfühlorte!
Auch das Freilufttheater, eigentlich sommerlicher Theaterspaß par excellence, kann bei abendlichen Temperaturen über 30 Grad zur Strapaze werden. Auf Instagram warb beispielsweise das Theater Bautzen, für dessen sommerliches Open-Air-Spektakel bereits an die 30.000 Karten verkauft wurden, mit dem anschaulich selbstironischen Video eines in sorbische Tracht gehüllten Schauspielers, aus dessen Kragen und Manschetten es nach einer Weile heftig zu qualmen beginnt. In der analogen Welt löschte das Theater dergleichen beherzt mit Hilfe von Wasserverneblung auf Bühne und Publikum; Wärmeempfindliche durften aus Kulanz ihre Karte sogar zurückgeben.
Festivals wie Avignon oder Epidaurus sind mit großer Hitze seit Jahrzehnten vertraut; allerdings hat sich das südfranzösische Avignon nach der besonders brutalen «Canicule» von 2025 zum 80. Geburtstag ein neues Hitzekonzept geschenkt. Da mittlerweile 95 Prozent der Spielstätten klimatisiert sind, betrifft es vor allem die Wege zu den Bühnen und zahlreiche Off-Produktionen, die auf der Straße oder in Kleinsttheatern stattfinden. Neben der Einrichtung von Anlaufstellen und Kühlungsinseln sowie der Verlagerung der meisten Vorstellungen in die Abendstunden empfiehlt die regionale Gesundheitsbehörde den 100.000 Tagesgästen der Festivalzeit, «eine Mütze oder einen Hut zu tragen, auf Alkohol zu verzichten und viel Wasser zu trinken». Das neue Festivalfeeling: statt weinseliger Premierenpartys einfach den ausgebliebenen Hitzschlag feiern.
Noch gibt es keine Temperaturobergrenzen, bei denen Theater nicht mehr gespielt werden darf. Überhaupt ist der Mensch ja recht anpassungsfähig, auch wenn es ab 40 Grad für den Organismus eng wird. Das Bild vom Frosch im langsam erhitzten Topf wirkt inzwischen weniger wie eine Metapher als wie der Spielplan für den Juni. Und aus dem Zuschauerraum tönt es gelassen: «Ist halt Sommer.»
Theater heute August-September 2026
Rubrik: Foyer, Seite 3
von Eva Behrendt
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