Konkurrenz der Schicksale
Es steht nicht gut um die Kunst. Verfassungsrechtlich frei, muss sie sich förderpraktisch zunehmend an ihrem gesellschaftlichen Mehrwert messen lassen – Kunst als Dienstleisterin. Folgerichtig wählt «Stop Being Poor» aus dem Studio Julian Hetzel am Stuttgarter Theater Rampe den direktesten Weg zum sozialen Wandel: Ein Mensch bekommt Geld. 15.000 Euro, ausgezahlt als bedingungsloses Grundeinkommen aus Kulturfördermitteln, monatlich über ein Jahr. Wer das Geld bekommt, entscheidet ein Live-Interview-Wettstreit. Bewerben konnte sich jede:r.
55 Prozent Körpersprache, 38 Prozent Stimme, 7 Prozent Inhalt. So lautet die Gewichtung eines Bewerbungsgesprächs, erklärt eine Recruiterin in der Videoinstalla -tion gleich hinter dem Einlass. Vom Theater Rampe ist in diesen Tagen kaum etwas geblieben, was an Theater erinnert. Weiße Wände sind in die Eingangshalle gebaut, auf ihnen fragen große Lettern «Hast du es verdient?» und stimmen so auf die Live-Interviews der Bewerber:innen ein.
Der Theatersaal selbst hat sich in einen Strand verwandelt, der entfernt an den litauischen Biennale-Pavillon 2019 erinnert: aufgepumpte Schwimmreifen statt Bestuhlung, Luftmatratzen, bunte Plastiktiere. Eine Frau im Bikini verkauft kalte Getränke aus der Kühlbox, die Schauspieler:innen Eva Löbau, Sebastian Röhrle und Niek Vanoosterweyck vergraben in einer Performance zwischen den Zuschauer:innen aus angeblicher Langeweile ihre Gesichter in PVC-Wassermelonen.
Im Glaskasten
Mitten im künstlichen Strand steht ein verspiegelter Sci-Fi-Kubus – einsehbar von außen, aber nicht von innen. Dort sitzen die Kandidatinnen und beantworten Fragen zu Finanziellem, Persönlichem, Gesellschaftlichem: Wie viel kostet ein Stück Butter? Was ist das Teuerste, was das Wertvollste, das du besitzt? «Circa 200 Euro» seien derzeit auf ihrem Konto, gesteht eine Kandidatin.
Die Fragen stellt ein Jurymitglied direkt am Kubus, die übrigen Juroren thronen auf Bademeister-Hochsitzen über dem Publikumsstrand und bewerten von dort aus die Antworten. Alle Jurymitglieder haben selbst Erfahrung mit Wohnungs- oder Obdachlosigkeit gemacht, wurden eigens für die Performance engagiert.
Julian Hetzel versteht das als Umkehr der Machtverhältnisse: ein Sichtbarmachen jener, von denen der Blick sonst abgewendet werde. Doch die Jury, die über die Bühnenpräsenz entscheidet, ist selbst auffallend homogen – männlich, weiß, mittleren Alters. Viele ihrer Mitglieder haben inzwischen wieder einen festen Wohnsitz oder leben freiwillig auf der Straße. So entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen dem Anspruch, marginalisierte Perspektiven sichtbar zu machen, und den tatsächlichen Verhältnissen vor Ort. Um das Preisgeld konkurrieren die Gewinner der Interviewrunde im Grande Finale. Das grelle Licht des Kubus stellt die Finalist:innen eine nach der anderen einzeln aus. Auf die Frage «Was bedeutet Hoffnung für dich?» antworten alle Finalist:innen ohne Aufforderung mit ihrer persönlichen Schicksalsgeschichte. «Stop Being Poor» will offiziell keine Reality-Show über Bedürftigkeit sein, und wägt dann doch ab: Insolvenz gegen Tumor, zittrige Stimme gegen glasige Augen. Das Publikum belohnt den anrührendsten Auftritt mit tosendem Applaus.
Die letzten Aufgaben könnten banaler kaum sein: trinken, essen, atmen, ohne dabei besonders schnell oder originell zu sein. Auch die Entscheidung am Ende bleibt dieser Banalität treu. Die Wahl der Gewinnerin wirkt weniger wie ein Höhepunkt als wie eine alltägliche Entscheidung, beliebig wie die Aufgaben selbst.
Soziale Relevanz vs. Kunstfreiheit
Zwischen den Auswahlrunden machen einstudierte Sequenzen mit den Schauspieler: -innen immer wieder klar, worum es eigentlich geht: weniger um Lebenshilfe als darum, dass die Kunst hier genau das erfüllt, was Bund, Land, Kommunen und private Geldgeber von ihr verlangt, nur ehrlicher und direkter. Was die Gewinnerin im kommenden Jahr mit ihrem Grundeinkommen anstellt, gilt daher als Teil einer künstlerischen Langzeitperformance.
Doch je öfter der Abend sich selbst erklärt, desto mehr wirkt diese Erklärung wie eine Verteidigung, die einem möglichen Vorwurf vorgreift. Das Beharren der Performance darauf, nicht Bedürftigkeit auszustellen, sondern nach der Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit zu fragen, schürt den Verdacht, dass hier am Ende doch nur Leid gegen Applaus gehandelt wird.
«Stop Being Poor» bleibt ein widersprüchliches Spektakel, dessen größte Stärke in der Verunsicherung seines Publikums liegt. Denn man ist auf unangenehme Weise gefesselt von der Verletzlichkeit anderer, mehr vielleicht als von so manchem klassischen Theaterabend. Die Leidensgeschichten folgen dicht aufeinander, und man schlingt sie hinunter wie eine Tüte Fast Food, während man sich Luft zufächelt und am kühlen Getränk nippt.
Auch die Tür zum Saal steht dauerhaft offen, zu gehen wäre jederzeit möglich. Trotzdem bleibt man sitzen, und ist dabei nicht nur Zuschauer, sondern Zeugin der Bloß -stellung. Der Strand, auf dem das Publikum chillt, ist die zweite Bühne des Abends: Mittelschicht im Urlaubsmodus, berieselt von dem, was im Kubus verhandelt wird. Sobald man sich als Teil des Gefälles erkennt, sitzt man nicht mehr ganz so bequem.
Theater heute August-September 2026
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Ann-Sofie Reiners
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