«Seen anything good?»
Das Edinburgh Festival feierte in diesem Jahr nicht nur die Kunst, sondern auch seinen 60. Geburtstag. In frühen Jahren stellte das International Festival mit großen Regienamen die Hauptattraktionen; das Fringe Festival, zeitgleich von freien Gruppen und Hippies aller Art mehr schlecht als recht organisiert, lief eindeutig nebenher. Heute kommt das Gros der Besucher wegen des Fringe-Angebots – und gönnt sich dazwischen nur ab und zu einen ausgewählten Beitrag aus dem International Festival.
Apropos auswählen.
Dieses Jahr konnte man im Fringe Programm angeblich rund 1800 Produktionen sehen. Was, wie ein eifriger Journalist errechnete, sähe man sich tatsächlich alles an, gut fünf Jahre dauern würde. Da das Festival nur den Monat August umfasst, muss man also heikle Entscheidungen treffen: «what to see, what not to see». Das ist die Frage. Es gibt verschiedenste, über Jahre erprobte Orientierungsstrategien: das dicke Programmheft durchblättern, bis einem Stücknamen vor den Augen verschwimmen, sich von den Massen flugblattwedelnder Schauspieler auf der Royal Mile beschwatzen lassen, sich auf die größten und wichtigsten Fringe-Theater konzentrieren, die eine gewisse Qualität garantieren ...
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1. Warum machen wir das? Man muss ja keine Theaterkritiken schreiben.
Am Theater kann einen zunächst reizen, dass es als generalistische Form, die im Glücksfall zum Gesamtkunstwerk gerät, alle oder fast alle anderen Genres vereint. Das ist für den Kritiker mindestens eine intellektuelle Herausforderung, erklärt aber noch nicht wirklich sein Objekt der Begierde....
In meinem persönlichen Exemplar des Buches «100 Jahre Deutsches Theater» – eine aufmerksame Pressereferentin hatte es mir zu meinem Amtsantritt als Theaterredakteur bei der «Berliner Zeitung» geschenkt, inzwischen arbeite ich selber am DT –, in dieser seltenen Ausgabe also gibt es einen nicht unoriginellen Farbbildteil. Rekonstruktion und Wiederaufbau des Deutschen...
Während der Abspann läuft, hört man sie noch einmal, die dünne Männerstimme mit dem zittrigen Tremolo, nüchtern, kein bisschen sentimental, dafür aber mit einem Rest Angriffslust in der abgeschnürten Kehle. So wie zuvor schon den «Wegweiser» und den «Leiermann», singt Josef Bierbichler das Lied «Die Nebensonnen» aus Franz Schuberts und Wilhelm Müllers «Winterreise»...
