Schwerin: Im Hamsterrad
Erzählt wird vom Ende her. Titelheld Liliom rammt sich gleich im ersten Bild ein Messer in die Brust und verblutet vor dem Eisernen Vorhang, aus dem sich ein Stahlgerippe in die verschnörkelte Neorenaissance-Architektur des Mecklenburgischen Staatstheaters schiebt. Ein Hamsterrad vielleicht, das einen nicht mehr loslässt, wie schnell man auch rennen mag. Oder ein Röhnrad, das einsam auf früheren Spaß verweist. Oder ganz profan das Karussell, auf dem der Schausteller Liliom zu Lebzeiten arbeitete. Jedenfalls ist Liliom tot.
Und wird nicht etwa von Engeln abgeholt, sondern von zwei Polizisten: Das Himmelstor ist eine trostlose Polizeiwache, und der Tod keine Erlösung, sondern armselig jovialer Bürokratismus. Strizzi-Romantik gibt es keine, sagt Regisseurin Alice Buddeberg, dann lässt sie den Vorhang hochfahren, und dann fängt sie noch einmal von vorne an.
Franz Molnárs 1909 uraufgeführte «Vorstadtlegende» «Liliom» ist kein einfaches Stück. Die Geschichte eines Kleinkriminellen, der seine Freundin schwängert, versucht, mittels eines Raubüberfalls eine Zukunft für die junge Familie zu konstruieren und dabei gnadenlos scheitert, der sich der Verantwortung mittels Suizid entzieht und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2017
Rubrik: Chronik, Seite 68
von Falk Schreiber
Wenn Individualgeschichte durch alle Verwerfungen und Leiden hindurchgegangen ist, gerinnt sie zum Schlagwort fürs Fachwörterbuch: «Postnomadische Traumatisierung aufgrund von Krieg und Verfolgung» steht auf einem Flipchart am Beginn dieses Hannoveraner Abends. Man nähert sich Remarques Flüchtlingsgeschichte «Die Nacht von Lissabon» im fiktiven Rahmen einer...
Neue Stücke
Es ist noch nicht lange her, da war die Megacity Istanbul faszinierender als New York. Slumquartiere und Edelboutiquen, Gezi-Proteste und Erdogan-Prozessionen, Bazare und Biennalen zeigten in enger Nachbarschaft, dass plurale Gesellschaft doch irgendwie möglich ist. Seit dem Putschversuch am 15. Juli 2016 ändert sich auch die größte Stadt der Türkei,...
Franz Wille: «Die Vernichtung» ist das Ergebnis einer besonderen Art der Stückentwicklung, an der auch das Ensemble beteiligt war. Wie sind Sie vorgegangen?
Olga Bach: Zunächst haben die Schauspieler, Ersan Mondtag, die Dramaturgin Eva Bertschy und ich uns zwei Wochen in der französischen Schweiz in ein sehr schönes Haus mit vielen Zimmern zurückgezogen und unter...
