Die Frau vom Meer
Es gibt eine Szene in Johan Simons’ Inszenierung von Theodor Storms «Schimmelreiter» am Hamburger Thalia Theater, da steht Hauke Haien (Jens Harzer) mit seiner Frau Elke (Birte Schnöink) am Deich, der Sturm tost, ein Pferdekadaver liegt an der Rampe, die Wellen rollen gegen das Ufer, man ahnt das Unheil, das sich entspinnt. Haien greift wortlos nach der Hand seiner Frau.
Und die sagt nichts, reagiert kaum, nur ein leichtes Schaudern durchfährt ihren Körper, ein Schaudern, das nichts anfangen kann mit dieser Berührung und in dem sich das Grollen der Naturgewalt ebenso spiegelt wie die Beziehungslosigkeit der Figuren. In diesem Schaudern liegt das Zentrum dieses Theaterabends, in diesem Schaudern liegt aber auch das Zentrum des Theaters von Birte Schnöink. «Und dabei war das gar nicht inszeniert», sagt die Schauspielerin über die Szene.
Birte Schnöink, geboren 1984 in Bremen, aufgewachsen im benachbarten Delmenhorst, ausgebildet an der Berliner Ernst-Busch-Schule, ist eine Spezialistin des kaum merklichen Erschauderns. Direkt nach dem Studium kommt sie 2009 ans Thalia und spielt dort schnell Hauptrollen: in Luk Percevals «Hamlet» die Ophelia, in Bastian Krafts «Käthchen von ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2017
Rubrik: Theatertreffen 2017, Seite 16
von Falk Schreiber
Wird ein Mensch als wilder Hund bezeichnet, ist das nicht wörtlich zu verstehen und meist eher respektvoll gemeint. Jene Menschen aber, die sich buchstäblich wie Hunde verhalten – Pfötchen geben, an den Baum pinkeln und so –, werden für verrückt erklärt. Nicht in Erwägung gezogen wird, dass es sich tatsächlich um Hunde in Menschengestalt handeln könnte. «Hundsch»...
Auf der Liste der besten Tschechow-Figuren, die nicht von Tschechow sind, dürfte der Frauenarzt Dr. Benrath ziemlich weit oben rangieren. Gespielt von Felix Klare steht er auf der Bühne, ein schlanker, großer Kerl mit schickem Bärtchen, und fixiert mit entschlossen zusammengekniffenen Augen seine selbstrechtfertigende Argumentationskette: Ja, er sei seiner Frau...
Für einen angehenden Dramatiker entwarf der junge Brecht eine recht krude Sprachkritik. Man habe nicht seine eigenen Wörter, man wasche sie auch nicht wie die eigenen Wäsche: «Im Anfang war nicht das Wort. Das Wort ist am Ende. Es ist die Leiche des Dinges.» Das Wörterklauben hatte für den Schriftsteller scheinbar nur bedingten Reiz, mindestens genauso interessant...
