Schürfen an der Zickzacklinie
Das Theater als vergängliche Kunst hat ein besonderes Verhältnis zum Gedächtnis. Theater ist nicht nur die Kunstform der absoluten Gegenwart, der Gleichzeitigkeit von Performanz und Rezeption, es ist auch die Kunstform des Gedächtnisses. Ohne Erinnerung kein theaterkritischer Diskurs, ohne Diskurs keine Kunst. Schon der lockere Plausch nach dem Theaterbesuch («Wie fandest du es denn?») setzt das Gedächtnis voraus. Und Theaterkritik ist auch Gedächtnishilfe.
Die deutsche Theaterwissenschaft dagegen versucht eher, der gegenwärtigen Theaterpraxis voraus zu sein, als dem Theater der Vergangenheit nachzudenken. Theatergeschichtsschreibung scheint etwas für Pensionisten zu sein. Um so erstaunlicher, dass Peter W. Marx, seit sechs Jahren Professor für Theaterwissenschaft in Köln, eine groß angelegte, gut lesbare theatergeschichtliche Studie vorgelegt hat: die Geschichte der deutschsprachigen «Hamlet»-Inszenierungen.
Peter W. Marx unternimmt damit eine Aufschlussbohrung in die deutsche Geschichte. Mit «Hamlet», der seit den fahrenden Schauspielertruppen des frühen 17. Jahrhunderts auf den deutschen Bühnen präsent ist, kann man einen Bohrkern in die Sedimente deutscher Mentalitäten ...
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