«Schreiben ist, was ich anbieten kann»

In «To My Little Boy» porträtiert die Autorin Caren Jeß einen Geologen und sein Kuscheltier. Ein Gespräch über das Finden von Figuren und die richtige Sprache für sie

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Theater heute Ihr neues Stück «To My Little Boy» hat eine interessante Zentralfigur: Dr. Aaron Smykalla, ein schwuler Geologe, der an einem Bundesforschungszentrum arbeitet und auch im zarten Alter von 42 Jahren noch eine sehr enge Beziehung zu seinem Kuscheltier pflegt, einem pinken, schon leicht derangierten Schwein aus Polyester, genannt Tupper. Im Übrigen geht es Aaron einigermaßen gut, wenn man von größeren Weltproblemen wie der drohenden Klimakatastrophe und anderen Defiziten des Anthropozäns absieht, die ihn sehr beschäftigen.

Wie kommt man auf so eine Figur als Mittelpunkt eines Stücks?
Caren Jeß Am Anfang stand eigentlich das Schwein. Und zwar konkret der Wunsch, über etwas sehr Privates zu schreiben, ein guilty Pleasure, in das man sich vor lauter Überforderung flüchtet. So etwas wie Musik, die wir heimlich hören, aber sofort ausstellen, wenn der Postbote klingelt. Bei einigen Dingen ist es uns einfach wahnsinnig peinlich, wenn jemand anderes sie mitbekommt. Und so ist es vielleicht auch mit einem Stofftier, das man als erwachsener Mensch ein bisschen zu sehr mag. Das will man nicht unbedingt rumliegen haben, wenn Besuch kommt. Und dann brauchte ich noch eine Figur, die sich aus Überforderung in dieses guilty Pleasure flüchtet. Da hatte ich zunächst nichts Spezielles im Kopf. Aller -dings lebe ich mit einem Geologen zusammen, wir kennen uns tatsächlich schon 20 Jahre, er arbeitet fachlich mit Rohstoffen und dem Recycling von Bergbauabfällen und wenn er mir von seinen Arbeitsinhalten erzählt, habe ich schon oft über die gigantischen Dimensionen dieser Themen gestaunt. Und wie sehr uns das alle betrifft, ohne dass wir besondere Ahnung von Rohstoffen und Bergbau haben. Gleichzeitig hätten wir ohne Geologie all das nicht, was unser Leben bestimmt: Trinkgläser, Autos, Handys, Kleidung – Tupperware. Deshalb habe ich Jonathan, so heißt er, als Inspiration für meine Figur genommen.

Dann habe ich aber auch sehr viel recherchiert, gelesen, Interviews geführt; mich zum Schreiben in die Lausitz zurückgezogen, um einen Tagebau vor Augen zu haben und ein Gefühl für diese Umgebung zu bekommen. Ich bin da wirklich tief eingestiegen, weil es mir trotzdem sehr fremd ist, als Geologin zu denken. Und ein bisschen muss ich das, wenn ich so eine Figur schreibe. So ist es zu Aaron gekommen. Seine weiteren Eigenschaften wie seine Homosexualität, sein evangelikales Elternhaus, seine sehr gute Freundin Anouk, die den gleichen Beruf hat wie mein Freund – mein Freund ist also nicht Aaron, der mehr Anteile von mir hat –, das alles kam im Verlauf des Schreibens in das Stück. Aarons Elternhaus war eine eher aus dem Zufall geborene Entscheidung, die dem Stück dann aber sehr taugte, weil es dadurch einen großen Widerstand in Aarons Leben gibt, von dem er sich abstößt.

TH Was heißt Zufall?
Jeß Das finde ich immer schwer zu beschreiben, weil es nichts Rationales ist. Ich schreibe, und Dinge passieren, ohne dass ich sie mir vorgenommen hätte. Dabei assoziiere ich auch nicht grundlos, sondern habe mich vielleicht mit Religion beschäftigt, und das findet dann über Umwege in mein Schreiben. Aber es sind eben keine intendierten, geplanten Dinge. Ich denke nicht: Meine Figur braucht jetzt noch einen Konflikt oder ein ungewöhnliches Elternhaus. So technisch gehe ich da nicht ran. Und wenn ich es doch tue, dann gefällt mir das Ergebnis meistens nicht.

TH Es schreibt.
Jeß Genau!

TH Wie sieht es denn mit der Tier-Spur in Ihren Stücken aus? Tiere spielen da oft große Rollen. Mal Vögel, siehe «Bookpink», mal eine Katze in «Die Katze Eleonore». In «To My Little Boy» beginnt es mit einem Hausschwein namens «Colgate», das sich dann nach seinem Ableben in «Tupper» weiter verlängert. Gibt es da auch biografische Bezüge?
Jeß Ja, die gibt es. Zu Schweinen speziell, weil ich auf einem Bauernhof aufgewachsen bin, und mein Opa eine Ferkelaufzucht hatte. Und es war vielleicht eines meiner ersten guilty Pleasures, bei uns auf der alten Mistplatte nach Schädelstücken zu suchen. Ich war als Kind sehr interessiert, die Hinterlassenschaften der bereits verstorbenen Ferkel zu untersuchen.

TH Klingt ein bisschen nekrophil.
Jeß (lacht) Das würde ich sonst nicht mit mir in Verbindung bringen. Aber die kurze Sammelleidenschaft von alten Knochenstücken gab es. Und dass Aaron nun ein Schwein hatte, kommt also nicht von ungefähr. Auch, dass er später sein Stoffschwein Tupper nennt, war zuerst ein rein spontaner Einfall, hat sich dann aber als bedeutungstragend herausgestellt. Nicht nur weil Aarons erster Berufswunsch Plastikfressererfinder war, sondern weil eine Tupperdose ein Behältnis ist, in das man etwas hineinlegen kann. Für Aaron sicher ein Behältnis seiner Biografie und seiner Gefühle. Und auch ein Behältnis, das Dinge lange aufheben kann.

TH Nur so am Rande: Sie haben keine Haustiere?
Jeß Nein! Ich bin aber ein sehr großer Fan von wilden Tieren. Es macht mir Glücksgefühle, wenn ich in der Natur ein Reh sehe oder einen Buntspecht oder ein anderes besonderes Tier, aber ich bin nicht der Typ für Haustiere. Ich habe mich viel mit Tieren beschäftigt durch meine Stücke, und das Konzept Haustier wird mir immer fremder.

TH Dann nochmal zurück zu Aaron. Zentrale dramatische Figuren sind oft sehr allgemein gültige Typen – bestes Beispiel Jedermann. Bei Ihnen sind das aber gerne sehr besondere Menschenexemplare, hochindividuell, besonders, randständig oder singulär – wie man es nennen will.
Jeß Ich finde Aaron nicht über die Maßen speziell. Er ist Geologe, das sind wir natürlich nicht alle, aber wir haben alle unsere Profession. Als sensibler, überforderter Mensch ist er in bestimmter Hinsicht dennoch typisch. Im Verlauf des Schreibens erschien er mir wiederum nicht unbedingt neurotypisch, vielleicht hat er ADHS, aber auch das ist heute nichts Ungewöhnliches. Ich finde ihn also gar nicht so speziell, aber es stimmt schon: Grundsätzlich habe ich ein besonderes Interesse an dem, was von der Norm abweicht. Während mir Dinge vielleicht normaler erscheinen, sind sie das für andere nicht unbedingt.

TH Aaron verkörpert eine Art Ohnmacht des Mittelstands. Während das eigene Leben einigermaßen läuft, verzweifelt man am großen Ganzen, an den Krisen, die überfordern.
Jeß Diese Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit habe ich oft. Aber das Schreiben ist für mich eine starke Möglichkeit, diese Themen und Probleme zu verarbeiten. Schreiben ist das, was ich anbieten kann.

TH Welche Sprache spricht Aaron? Ist das die Sprache von Caren Jeß? Oder eine Rollensprache? Sie verbindet einerseits ausdrücklich literarische Formulierungen und Gesten mit sehr vielen Gegenwartsmarkern, etwa Anglizismen. Mit etwas sehr Zeitgenössischem.
Jeß Interessante Frage. Ich bin Gegenwartsautorin und starke Verfechterin von Gegenwartskunst, und ich will das, was jetzt passiert, auf der Bühne sehen, aber ich suche auch nicht danach, dass es super gegenwärtig klingt. Ich habe gründlich nach einer Sprache für dieses Stück gesucht und viele Versuche dazu auch verworfen. Das ist bei mir meistens so. Ich suche danach, wie ein Sprechen sein kann für eine Figur, will aber auch nicht so viel intendieren.

TH Suchen Sie für jede Ihrer Figuren einen eigenen Ton?
Jeß Ja, auf jeden Fall. Und es kann dauern, bis ich diesen Ton gefunden habe. «Die Katze Eleonore» ist dafür ein gutes Beispiel. Die Idee für diese Katze gab es schon früh, aber bis ich wusste, wie sie spricht, hat es sehr lange gedauert, fast ein Jahr mit viel Probieren. Aber als ich diese Sprache dann hatte, war das Stück in einem Monat fertig.

TH Wir wollen noch ein bisschen über das Schreiben als Beruf reden. Ihre Stücke werden seit 2019 aufgeführt, Sie haben mittlerweile 14 Texte veröffentlicht, darunter solche, die an großen Häusern uraufgeführt wurden. Sie sind, wie man so sagt, gut im Geschäft. Wie sieht das Schreiben für Sie als Beruf aus? Können Sie, wollen Sie davon leben?
Jeß Momentan kann ich davon leben. Aber es gibt natürlich keine Verlässlichkeit, dass das dauerhaft so bleibt. Egal, ich bin optimistisch, ich schreibe sehr, sehr gern und habe mir diesen Beruf erkämpft. Ich hoffe, mein Schreiben wird stabil bleiben und dass ich weiter davon leben kann. Weil ich wichtig finde, Kunst neben ande -ren «richtigen» Berufen nicht zu exotisieren. Für mich ist mein Beruf Arbeit, ich liebe, was ich mache, aber ich stehe jeden Tag auf, mache mein Ding und möchte dafür auch entlohnt werden. Da habe ich eine klare Haltung. Und wenn es wieder knapp werden sollte, solche Phasen kenne ich aus meinen Anfängen nur zu gut, dann werde ich sehen, wie ich kämpfe, mit wem ich mich zusammenschließen kann. Während ich das so sage, merke ich meinen Pessimismus, was Politik betrifft, was für eine große Ungewissheit auf uns zukommt, und dass es mehr denn je darauf ankommen wird, sich zusammenzutun, sich zu solidarisieren und um die Kunst zu kämpfen.

TH Gibt es neben den zahlreichen Stücken noch andere Pläne?
Jeß Ich plane, ab Sommer eine kleine Theaterpause einzulegen, um einen Roman zu schreiben. Ich verschleppe das seit Jahren, habe aber eine große Ungeduld in mir und mir vorgenommen, ab Herbst Prosa zu schreiben.

TH Beim Schreiben für Theater gibt man ja einen Text irgendwann zwangsläufig aus der Hand. Man weiß nie, was die Inszenierungen damit anfangen.
Jeß Genau das liebe ich daran! Auch wenn es manchmal vielleicht hart ist, weil es zu Ergebnissen führen kann, die ich mir nicht gewünscht hätte. Aber ich mag, dass ich nicht den letzten Punkt setze, und würde behaupten, dass es bei Prosa ähnlich ist: Man weiß ja nie, was in den Köpfen der Leser:innen vor sich geht, was sie interpretieren, welche Gefühle sie haben. Und wenn ich Prosa schreibe, wird es auch sicher sehr szenisch und mündlich. Das kriege ich nicht raus – genauso, wie ich erzählerische Momente nicht aus meiner Dramatik rausbekomme.

TH Danke! Letzte Frage: Gibt es auch ein Kuscheltier in Ihrem Leben?
Jeß Ja, vielleicht auch das.

Das Gespräch führten Eva Behrendt und Franz Wille.

Caren Jeß, geboren 1985 in Eckernförde, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Musik in Flensburg, Freiburg und Berlin und lebt in Dresden. Ihr Stück «Die Katze Eleonore», abgedruckt in TH 5/23, wurde mit dem Mülheimer Dramatikpreis ausgezeichnet.


Theater heute April 2026
Rubrik: Das Stück, Seite 38
von Eva Behrendt und Franz Wille

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