Schaum und Schlamm
Zwar trennen sie hundert Jahre und ein Kontinent, die Vision künstlerischer Selbstbestimmung als subversives Spiel mit Rollenmustern und über Gendergrenzen hinweg haben sie sich beide auf die Fahnen geschrieben, die französische Fotokünstlerin, Literatin und queere Surrealistin Claude Cahun (1894–1954) und die Anfang der 1990er geborene US-amerikanische Dramatikerin Gracie Gardener.
Zufällig und doch im Auge der Betrachterin korrespondierend finden sich beide, die Wieder- und die Neuentdeckung, zur Saisoneröffnung auf den Spielplänen der Münchner Kammerspiele und des Münchner Volkstheaters.
«Männlich? Weiblich? Aber das hängt von der Situation ab. Neutral ist das einzige Genre, das immer für mich passt», schrieb Claude Cahun 1930. Aufgewachsen als Lucy Schwob in einem jüdisch-intellektuellen Umfeld in Nantes, wurde sie bekannt unter ihrem geschlechtsneutralen Pseudonym und setzte sich damit souverän über konventionell-bürgerliche Erwartungshaltungen hinweg. Dabei stand ihr dank der aufgeschlossenen, wenn auch psychisch labilen Eltern viel Freiraum zur Verfügung, sodass sie mit ihrer Stiefschwester, der Grafikerin Suzanne Malherbe alias Marcel Moore, ganz offen in einer lesbischen ...
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Theater heute 11 2022
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Silvia Stammen
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Eigentlich gehört sie gar nicht dazu. Iphigenie, ist «die Handlung vor der Handlung / der Hintergrund / um die Story auszulösen». Schließlich, so erzählt es Aischylos’ «Orestie», muss Iphigenie geopfert werden, damit ihr Vater Agamemnon überhaupt gegen Troja in den Krieg segeln kann. Denn vorher ist da Windstille, gottverdammte Flaute. Agamemnon also opfert seine...
