Rote Nasen in der Arena
Im Hintergrund hört man zu Beginn eine Masse jubeln. Ist es ein harmloses Fußballspiel? Oder sind es die Hinrichtungsexzesse der Französischen Revolution? Egal, in Nadja Sofie Ellers aseptischem Bühnenbild – eine Mischung aus leerem Anatomiesaal und Zirkusmanege – ist die Außenwelt ohnehin nur als fernes, surreales Echo präsent.
Die Revolutionäre leben längst in einer Blase, abgeschottet von der Welt, die sie doch eigentlich verändern wollten.
Selbst das Volk wohnt vorne im Souffleurkasten, Ole Lagerpusch verkörpert es als wankelmütigen Clown, der stets darüber jammert, nichts zu essen zu haben, aber für jeden Schwachsinn zu haben ist. Bei Johan Simons, der am Wiener Burgtheater mit «Dantons Tod» erneut seinem Faible für Clown-Endspiele nachgeht, ist alles ohnehin mehr Beckett als Büchner, mehr mechanisches Ballett als psychologische Feinmechanik.
Das Spiel ist zu Ende, die Würfel sind gefallen: Alle warten auf das eigene Abkratzen, das, wie der Titel verspricht, für Danton schneller als für Robespierre kommen wird. Simons hat keine Lust, sich mit dem Nahost-Konflikt oder anderen aktuellen Kämpfen zu beschäftigen. Für ihn ist alles blutiges Theater: rote Nasen in der Arena. Godot ...
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Theater heute Februar 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Karin Cerny
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