Rote Nasen in der Arena

Johan Simons inszeniert «Dantons Tod» am Wiener Burgtheater als Clown- Endzeitspiel mit Heiner Müllers Erinnerungen an eine Revolution

Theater heute - Logo

Im Hintergrund hört man zu Beginn eine Masse jubeln. Ist es ein harmloses Fußballspiel? Oder sind es die Hinrichtungsexzesse der Französischen Revolution? Egal, in Nadja Sofie Ellers aseptischem Bühnenbild – eine Mischung aus leerem Anatomiesaal und Zirkusmanege – ist die Außenwelt ohnehin nur als fernes, surreales Echo präsent.

Die Revolutionäre leben längst in einer Blase, abgeschottet von der Welt, die sie doch eigentlich verändern wollten.

Selbst das Volk wohnt vorne im Souffleurkasten, Ole Lagerpusch verkörpert es als wankelmütigen Clown, der stets darüber jammert, nichts zu essen zu haben, aber für jeden Schwachsinn zu haben ist. Bei Johan Simons, der am Wiener Burgtheater mit «Dantons Tod» erneut seinem Faible für Clown-Endspiele nachgeht, ist alles ohnehin mehr Beckett als Büchner, mehr mechanisches Ballett als psychologische Feinmechanik.

Das Spiel ist zu Ende, die Würfel sind gefallen: Alle warten auf das eigene Abkratzen, das, wie der Titel verspricht, für Danton schneller als für Robespierre kommen wird. Simons hat keine Lust, sich mit dem Nahost-Konflikt oder anderen aktuellen Kämpfen zu beschäftigen. Für ihn ist alles blutiges Theater: rote Nasen in der Arena. Godot ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2024
Rubrik: Aufführungen, Seite 22
von Karin Cerny

Weitere Beiträge
Fixstern Törtchen

Was hat ein Himbeertörtchen mit dem Weltuntergang zu tun? Mit der Zerstörung der Erde durch die Achtlosigkeit des Menschen? Was mit der Selbstgewissheit der Sonne als allmächtigem, mythischem, unerbittlich brennendem, hoch energetischem Fixstern? Was mit dessen absolutistischem Einfluss auf Gedeih und Verderb von allem, was wächst?

In der ersten Szene von Charlotte...

Ganoven, Patriarchen, sanfte Seelen

Ardalion Alexandrowitsch Iwolgin sitzt auf dem Klo, als sein Sohn Ganja den Fürsten Myschkin als neuen Untermieter anschleppt. Hendrik Arnst hat als General a. D. und Oberhaupt einer moralisch und wirtschaftlich heruntergekommenen Familie, die Dostojewski als Gegenstück zu den wohlhabenden Jepantschins konstruiert, nur wenige Auftritte in Frank Castorfs...

Nutzlos gießt der Mond sein Licht

Dieser Kostja kann einstecken. Der Nachwuchskünstler zuckt mit keiner Wimper, wenn seine Mutter, die berühmte Schauspielerin Arkadina, aller Welt vorführt, was für ein Baby er doch ist. Maja Beckmann baut sich gegenüber dem einen Kopf größeren Benjamin Lillie auf, packt sein Kinn, schiebt seine Wangen zu sich herunter, so dass sie die Lippen zum pausbäckigen...