Reichlich angerichtet

Tadeusz Rózewicz «Der Hungerkünstler geht»

Der Einlass ist als Vorbereitung zum Volksfest zu erleben. Bockwurst fehlt noch. Nach 40 Tagen wird der Hungerkünstler wieder essen, um dann anderswo seine Show zu wiederholen. Doch zunächst fährt ihn sein Impresario in einem zum Leichenwagen umgebauten Trabant-Kombi mit viel Hallo auf die Bühne. Kafka, so denkt man reflexhaft, sieht anders aus.

Und Tadeusz Rózewicz, dieser 1921 geborene, heute auf deutschen Bühnen kaum bekannte polnische Klassiker, schrieb seine sehr freie Version der Parabel Mitte der 70er Jahre, als es vor allem um die politische Benutzung der Kunst ging – und sei es durch sinnfreies Hungern.

Piotr Kruszczynski, der hier als Regisseur aus der benachbarten Bergarbeiterstadt Walbrzych/Waldenburg sein Deutschland-Debüt gibt, gehört in Polen zu den Erneuerern, die auf der Bühne lieber direkt statt in literarischen Rätseln sprechen. So entsteigt der Impresario dem Trabant als lupenreiner Klischee-Pole mit Schnauzbart und seidigem Trainingsanzug. Von Tom Keune hinreißend übertrieben, versucht er, dem allgemeinen Wandel seinen Vorteil abzugewinnen – und weiß doch, dass sein Geschäft in der Krise steckt. Also fordert er, ganz Managersprech, dass heute «effektiver ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2008
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Thomas Irmer

Vergriffen
Weitere Beiträge
Straßentheater

Nein, besonders interessiert hätten Kinder sie nie, hat Helen Levitt einmal zu Protokoll gegeben. «Sie waren einfach da, auf der Straße.» Einfach da: So unsentimental bringt die große alte Dame der amerikanischen Fotografie ihre Arbeit auf den Punkt. Eine Arbeit über fünf Jahrzehnte mit einem ungewöhnlich schmalen, aber scharfen Fokus: Abgesehen von den Erträgen...

Die Geschichte geht weiter

Noch bevor es richtig losgeht, sind sie alle baden gegangen. Zwei Paare, zwei Kinder, zweieinhalb Generationen bundesdeutscher wochenendalkoholisierter gehobener Mittelstand sind schneller abgesoffen, als sie denken konnten. Man hatte eine kleine Bootspartie auf dem See neben der Villa unternommen, da war ihnen die alte Calypso vollgelaufen. Die griechische Göttin...

Notizen

Neue Stücke

Die Mülheimer «Stücke», das wichtigste Festival für neue deutschsprachige Dramatik, hat kurz nach dem Berliner Theatertreffen seine Liste der bemerkenswertesten uraufgeführten Stücke des letzten Jahres veröffentlicht: Fritz Kater «Heaven (zu tristan)» (Maxim Gorki Theater Berlin/schauspielfrankfurt), Dea Loher «Das letzte Feuer» (Thalia Theater...