Monster sehen anders aus
Der ältere Herr, der aus dem Bühnendunkel ganz nach vorn an die Rampe tritt, sich setzt und mit den Beinen baumelt, sieht aus, als wolle er gleich mit dem Publikum schmusen. Zutraulich lässt Jean-Pierre Cornu seinen Blick über den Zuschauerraum wandern, forscht sehnsuchtsvoll in einzelnen Gesichtern. Ein melancholisches Lächeln spielt um die bitteren Lippen, als wüsste er, dass er mit seinem Schmerbäuchlein, das sich unterm halbtransparenten Seidenhemd wölbt, und der grau melierten Langhaar-Lockenpracht ein bisschen lächerlich ausschaut.
«Ich weiß wirklich nicht, warum ich so traurig bin», gesteht er leise, «es nervt mich. Andere nervt es auch.» Das intime Bekenntnis des venezianischen Kaufmanns Antonio, dessen Flotte sämtliche Weltmeere bereist, hat schon viele Deutungen erfahren: Von der ersten Altersdepression eines Bonvivants über die berufliche Krise des Risiko-Unternehmers bis hin zur unterdrückten Liebe zum flotten Bassanio.
Monster sehen anders aus
Auch Robert Hunger-Bühlers Shylock ist ein Geschäftsmann mit sanften Zügen und silbernem Haar, das sich orthodox von den Schläfen lockt. Um den weißen Hemdkragen liegt ein schwarzes Headset-Kabel, der Gebetsriemen des ...
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Nein, besonders interessiert hätten Kinder sie nie, hat Helen Levitt einmal zu Protokoll gegeben. «Sie waren einfach da, auf der Straße.» Einfach da: So unsentimental bringt die große alte Dame der amerikanischen Fotografie ihre Arbeit auf den Punkt. Eine Arbeit über fünf Jahrzehnte mit einem ungewöhnlich schmalen, aber scharfen Fokus: Abgesehen von den Erträgen...
Madame Bovary ist die Frau eines Landarztes und ein Buch. Und weil es Flaubert geschrieben hat, wurde es ein unübertrefflicher Roman. Chabrol machte daraus einen recht guten Film mit Isabelle Huppert, denn die «Bovary» besteht nicht nur aus Stil, sondern auch aus Story. Diese klamme Liebesgeschichte eignet sich durchaus für ein Ballett, einen Film, ein Ölbild, was...
Der Einlass ist als Vorbereitung zum Volksfest zu erleben. Bockwurst fehlt noch. Nach 40 Tagen wird der Hungerkünstler wieder essen, um dann anderswo seine Show zu wiederholen. Doch zunächst fährt ihn sein Impresario in einem zum Leichenwagen umgebauten Trabant-Kombi mit viel Hallo auf die Bühne. Kafka, so denkt man reflexhaft, sieht anders aus. Und Tadeusz...
