Radikale Kehrtwende
Wir fliegen nicht oder kaum mehr. Kurator:innen als Jetsets der Kunstszene haben ausgedient. Wir optimieren unsere Reisen, halten Besprechungen meist per Zoom ab und achten auf unsere persönliche CO2-Bilanz. Der ICE, der TGV oder der Girundo sind zu unseren ruhigsten Büroräumen geworden. Der Speisewagen serviert inzwischen auch vegane Kost. Mein Lieblingsessen: Planted Chicken Paprika Zitrone. Im Schlafwagen produziert das kontinuierliche Rütteln einen leichten, aber sanften Schlaf.
Interkontinentalflüge machen sich nicht gut in der persönlichen Klimabilanz, braucht man sie? Diese Frage wird entweder kontrovers diskutiert oder eher unter der Decke gehalten. Eine Generation junger Klimaaktivist: -innen lehnt das Fliegen vollständig ab. Eine kleine, wenn auch wachsende Zahl von Künstler:innen sehen das genauso. Während Theater, internationale Produktionshäuser und Festivals zaghaft beginnen daran zu arbeiten, Klima -standards zu setzen (keine Flugreisen bei Strecken unterhalb von 800 km, keine Exklusiveinladung von Produktionen, bei denen interkontinental gereist werden muss, leicht transportierbare und nachhaltig produzierte Bühnenbilder), bewegen sich die Forderungen von ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Verzicht, Seite 54
von Amelie Deuflhard
Wie hießen nochmal diese Schwebeteilchen in der Luft? Aurosole? Oder das, was die Schweden gegen das Virus gemacht haben? Hordenimmunität? Fast so fern, wie mancher Fachbegriff aus der Lockdownzeit vielen Menschen scheinen mag, wirkt bereits die letztjährige Relevanz-Panik zum postpandemischen «Publikumsschwund». Von der befürchteten Herdenimmunität gegenüber...
Selbstsicherheit klingt anders. «Liebe ich es nicht mehr oder liebe ich es zu sehr?», fragt Sivan Ben Yishai mit einem alten Roland-Barthes-Zitat im Untertitel ihrer «Bühnenbeschimpfung» und macht der moralischen Anstalt die Rechnung auf: die großen und kleinen Widersprüche zwischen den meist hehren Anliegen, die auf der Bühne verfochten werden, und den nicht immer...
Seit Jahrhunderten verzichten Frauen*. Sie verzichten auf ihre Karrieren, auf ihr Essen, auf ihre Selbstbestimmung, ihr Geld, ihre Freiheiten, ihren Orgasmus. Sie verzichten, weil sie müssen, weil es ihnen von außen aufgetragen wird. Damit das Ungleichgewicht im Gleichgewicht bleibt. Damit das Patriarchat florieren und sich seine Säulen tiefer in die Erde...
