Postpartale Aufklärung
Eins der letzten Tabus unserer Gesellschaft sei sie, die «postpartale Depression», die Depression nach der Entbindung, behauptet das Presseheft zu Emily Atefs Film «Das Fremde in mir» nicht ohne Pathos. Aufklärung über, Verständnis für eine schwer vermittelbare Krankheit, der laut Wikipedia jährlich 80.000 Frauen in Deutschland zum Opfer fallen, hat sich die junge, in Berlin geborene Franko-Iranerin für ihren zweiten Spielfilm vorgenommen, und der bemerkenswert besetzte und gespielte Film wäre ohne diesen Vorsatz vielleicht ein wenig überraschender ausgefallen.
Denn als wolle er die Phasen von Krankheit und Genesung streng nach Wikipedia durchdeklinieren, zeigt der Film in spröden Kurzszenen Stationen einer Psychopathologie. Nimmt sich wenig Zeit, die Normalität der Beziehung von Rebekka (Susanne Wolff) und Julian (Johann von Bülow) vor der Geburt zu etablieren, bevor er sich ausführlich einrichtet im nachgeburtlichen Elend: dem ersten Befremden Rebekkas dem Baby gegenüber, das Schwägerin Elise (Judith Engel) demonstrativ herzt und küsst, die Einsamkeit in der Wohnung, allein mit dem Kind, leerer Kühlschrank, Sex-Unlust, Beziehungskrise. Rebekkas ungelenke Versuche, das Kind zu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Die Hörspiel-Version von Kehlmanns Romanerfolg war nur eine Frage der Zeit. Vor allem aber war sie eine Frage des Wie. Denn die Verzahnung des nach Amerika reisenden Weltforschers Humboldt mit dem Leben des Provinzprofessors Gauß bewirkt ihr erzählerisches Tempo durch ein raffiniertes Stilmittel. Der Autor balanciert zwischen indirekter Rede und Figurensprache, die...
Sich über Realitäten indischer Theaterpraxis heute austauschen und Visionen für die Zukunft entwickeln – darum ging es im südindischen Dschungel. In der Theaterschule Ninasam, die in einem winzigen Dorf liegt, trafen sich fast 150 Kritiker, Journalisten und Theaterschaffende zum «Not the Drama Seminar». Alle waren mit erheblichem Reiseaufwand hierher gekommen,...
Der Hausherr sitzt hoch oben im Bühnenhimmel und späht in sein Theater. Aischylos’ «Orestie» beginnt mit der Mauerschau eines Wächters: Auf dem flachen Dach des Atreushauses wartet er auf ein Feuerzeichen aus Troja – ist der Krieg gewonnen, kommt Agamemnon zurück? In seiner Inszenierung am Pariser Théâtre de l’Odéon, das er seit dieser Saison leitet, spielt Olivier...
